Nachricht | Geschlechterverhältnisse - Südasien - Feminismus Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Mitarbeiter*innen des RLS-Büros in Hanoi sprachen mit der Psychologin Khuat Thu Hong zu den Ursachen sexueller Gewalt in Vietnam.

Eine von acht Frauen in Vietnam erlebt sexuelle Gewalt. Dass diese Zahlen der Realität entsprechen, bezweifeln unsere Autor*innen.
Eine von acht Frauen in Vietnam erlebt sexuelle Gewalt. Dass diese Zahlen der Realität entsprechen, bezweifeln unsere Autor*innen. Foto: Pham Van Khanh

In Vietnam ist sexuelle Gewalt ein Tabuthema. Belastbare Daten gibt es daher kaum. Die Psychologin Khuat Thu Hong forscht seit Jahrzehnten zu den Ursachen von sexuellem Missbrauch. Im Interview spricht sie über die gesellschaftliche Perspektive, den Einfluss der Geschichte und Feminismus in Vietnam. Mit ihr sprachen Nguyen Van Huan und Pham Van Khanh von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Südostasien in Hanoi.
 

RLS: Dr. Hong, können Sie uns einen kurzen Überblick zu sexueller Gewalt in Vietnam geben?

Khuat Thu Hong: Es ist heikel, in Vietnam über Sex, geschweige denn über sexuelle Gewalt zu sprechen. Für Vietnames*innen ist dieses Thema sensibel und privat. Die Menschen neigen dazu, zu schweigen und auszuweichen, wenn sie zu ihrem Sexualleben oder zu sexualitätsbezogenen Konflikten befragt werden.

Dennoch wird in letzter Zeit vermehrt über sexuelle Gewalt berichtet. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2015, dass 87% der Frauen und Mädchen an öffentlichen Orten sexuellen Belästigungen ausgesetzt waren. Laut einer nationalen Studie über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2019 erlebt eine von acht Frauen in ihrem Leben sexuelle Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Ehemann. 9 Prozent der Frauen haben ab einem Alter von 15 Jahren sexuelle Gewalt durch jemand anderen als ihren Partner erlebt. 4,4 Prozent der Frauen berichteten, dass sie als Kind sexuellen Missbrauch erlebt haben.

Meiner Meinung nach sind diese Zahlen weit von der Realität entfernt und nur die Spitze des Eisbergs. Die Opfer sprechen selten über die Vorfälle oder suchen Hilfe. Die Stigmatisierung und Verurteilung durch die Gesellschaft sind für sie das größte Hindernis, ihre Meinung zu äußern oder Hilfe zu suchen.

Dr. Khuat Thu Hong ist Direktorin des Institute for Social Development Studies (ISDS) und Vorsitzende des Gender-based Prevention and Response Network in Vietnam (GBVNet). Gegenwärtig leitet sie ein Team nationaler Expert*innen, zur Ausarbeitung einer nationalen Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter. Frau Hong studierte Psychologie und promovierte später zu Familiensoziologie. Sie forscht zu Geschlecht, Jugendlichen, reproduktiver Gesundheit und sexueller Gewalt.

Gibt es weitere Gründe, wieso Frauen die Fälle nicht melden?

Die Vietnames*innen sind sich der verschiedenen Arten sexueller Gewalt nicht voll bewusst. Viele Menschen begreifen nicht, dass sie Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Es ist Konsens, dass eine Vergewaltigung sexualisierte Gewalt ist. Aber erzwungener Sex in der Ehe, die erzwungene Nutzung von Verhütungsmitteln und sexuelle Belästigung, werden nicht unbedingt als Akt der Gewalt eingeordnet.

Das hängt damit zusammen, dass die Menschen glauben, dass es die Pflicht der Frau ist, das sexuelle Verlangen ihres Mannes zu befriedigen. Wann immer er es wünscht. Oder dass die Anwendung einer Verhütungsmethode zur Vermeidung einer ungewollten Schwangerschaft in der Verantwortung der Frau liegt. Sexuelle Belästigung wird oft als unvermeidlich angesehen, weil Männer ihren ‚natürlichen’ sexuellen Drang nicht kontrollieren können. Und weil Frauen dazu geboren sind, von Männern gehänselt zu werden.

Wie viele Frauen sind von sexueller Gewalt betroffen und wer ist besonders gefährdet?

Laut der nationalen Studie über Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2019 erlebt jede dritte Frau in Vietnam in ihrem Leben physische und/oder sexuelle Gewalt. Fast jede zehnte Frau erlebte diese Gewalt innerhalb der letzten 12 Monate. In ländlichen Gebieten tritt Gewalt häufiger auf als in den Städten. Besonders betroffen sind junge Frauen im Alter zwischen 25-34 Jahren.

Auch Frauen mit Behinderung haben ein höheres Risiko Opfer von sexueller Gewalt zu werden als Frauen ohne Behinderung. Wie erwähnt erlebt – nach den Ergebnissen der nationalen Studie aus dem Jahr 2019 – eine von acht Frauen sexuelle Gewalt. Bei Frauen mit Behinderung ist es eine von fünf Frauen, die sexuelle Gewalt durch den Ehemann oder Partner erlebt hat. Die gleiche Studie ergab, dass Gewalt gegen Frauen im zentralen Hochland und im Delta des Roten Flusses im Vergleich zu anderen Regionen des Landes häufiger vorkommt. Es gibt einige Hinweise auf sexuelle Gewalt gegen Männer und Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft. Aber meist sind es Frauen, die von Gewalt betroffen sind.

In einer Studie der vietnamesischen Regierung aus dem Jahr 2010 wird erwähnt, dass 42% der Frauen in der südöstlichen Region Vietnams unter häuslicher Gewalt, einschließlich sexuellem Missbrauch, leiden. Bei der ethnischen Gruppe der Hmong liegt diese Zahl nur bei 8%. Wie ordnen sie diese Differenz ein?

Unser Verständnis der ethnischen Gruppen ist in dieser Frage bisher recht begrenzt. Bei den Hmong werden Frauen nach der Heirat als ‚Eigentum’ der Familien der Ehemänner gesehen. Sie haben in den Familien nur begrenzt Macht. Zwangsverheiratung ist in ihrer Gemeinschaft immer noch weit verbreitet. Sobald Mädchen 13 oder 14 Jahren alt sind, drängen die Eltern sie zur Heirat. Deshalb denke ich, dass die Zahl von 8% nicht die Realität widerspiegelt.

Nguyen Van Huan ist Projektmanager des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung Südostasien in Hanoi. Er arbeitet seit über 10 Jahren an Projekten zur Unterstützung der Gemeindeentwicklung in Vietnam und Kambodscha

Pham Van Khanh ist Projektassistentin im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung Südostasien in Hanoi.
 

Gibt es Unterschiede zwischen Nord- und Südvietnam?

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist in den nördlichen Provinzen stärker ausgeprägt als im Süden. Nordvietnam – mit der Grenze zu China – ist stark von konfuzianischen Werten beeinflusst. Der Konfuzianismus wurde im 10. Jahrhundert als offizielle Ideologie des feudalistischen Staates Vietnam übernommen. Das hat Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart reichen. Der Neokonfuzianismus, der unter der Song-Dynastie blühte und sich bis nach Vietnam ausbreitete, schränkte Frauen stark ein. Dieser Lehre zufolge ist die Keuschheit einer Frau wertvoller als ihr Leben. Sie soll eher sterben, als ‚unrein’ weiterzuleben. Südvietnam ist stärker von der südostasiatischen Kultur beeinflusst. Die konfuzianische Ideologie spielt keine so starke Rolle wie im Norden und Frauen sehen sich weniger strengen Regeln gegenüber. Es ist beispielsweise im Süden nicht mehr notwendig, Söhne zu haben, um die Ahnen zu verehren. Diese Aufgabe dürfen jetzt auch Frauen übernehmen.

Werfen wir einen Blick auf die französische Kolonialzeit und den Widerstand gegen die USA. Es gab Gerüchte, dass es zu sexuellen Übergriffen kam. Gibt es dazu Untersuchungen?

Konflikte, die mit dem Thema Geschlecht zusammenhängen, sind bisher kein Thema in der vietnamesischen Geschichtsschreibung. Es gibt nur wenige historische Dokumente, anhand derer sich diese Fragen beantworten lassen.

Allgemein lässt sich sagen, dass es in allen Kriegen und Konflikten zu sexueller Gewalt kommt. Sexuelle Gewalt wird systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Ich glaube aber nicht, dass dies bei den Kriegen gegen Frankreich und Amerika im 20. Jahrhundert der Fall war. Obwohl es Hinweise auf sexuelle Gewalt gegeben hat.

In mehreren Dokumenten zum Grenzkonflikt (mit China, Anm. d. Red.) von 1979 wurde mehr oder weniger deutlich, dass das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen schwerwiegend war. Es bedarf jedoch noch weiterer Forschung, um dazu belastbare Aussagen treffen zu können. Das Thema ist so heikel, dass es von Wissenschaftlerinnen und Forschern leider selten behandelt wird. Ich versuche seit Jahren, einen Zugang zu dem Thema zu finden. Aber es fehlt an Quellen.

Welche anderen soziokulturellen Faktoren gibt es, die bedingen, dass Frauen in Vietnam mit sexualisierter Gewalt konfrontiert sind?

Die Familie ist in der vietnamesischen Gesellschaft das höchste Gut. Wir werden erzogen, unsere Familie zu pflegen und sie um jeden Preis zu verteidigen. Diese Sichtweise bindet aber – wenn sie im Extrem gelebt wird – die Frauen eng an sexistische Vorurteile. Frauen, die nicht heiraten, haben gesellschaftlich keinen Wert. Frauen, die keine Kinder bekommen können, werden als ‚fehlerhaft’ angesehen. Frauen müssen für ihre Familie und ihr zu Hause Opfer bringen. Denn ohne Familie ist eine Frau ein Niemand.

In der Denke des vietnamesischen Volkes, steht für eine Frau die Familie über allem. Auch wenn die Familie für sie die Quelle von körperlichem und psychischem Leiden ist. Eine tugendhafte Frau lässt ihr Kind niemals ohne dessen Vater aufwachsen. Selbst wenn dieser Mann sie täglich schlägt. Das sind die Gründe, warum viele Frauen sich entscheiden, die Gewalt jahrelang schweigend zu ertragen.

Dr. Khuat Thu Hong im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Hanoi
Dr. Khuat Thu Hong im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Hanoi Foto: privat

Wie ist die Situation für Frauen vor der Ehe?

Von Frauen wird implizit erwartet, dass sie vor der Ehe unschuldig, rein und ‚intakt’ sind. Auch wenn Sex vor der Ehe kein Tabu mehr ist, werden Frauen, die vor der Ehe Sex haben, als ‚befleckt’ angesehen. Sowohl sexueller Missbrauch als auch Sex vor der Ehe sind mit Scham verbunden. Wenn vietnamesische Mädchen einen Freund haben, bevor sie verheiratet sind, ist das für sie mit der Sorge verbunden, dass er sie verlässt und sie keinen neuen Partner finden.

Wie wäre die gängige Reaktion einer Frau, der bewusst wird, dass sie Opfer sexueller Gewalt geworden ist? Gibt es Frauen, die dagegen protestieren?

Es ist wahrscheinlich, dass Betroffene wegen der sozialen Stigmatisierung und der Angst, ihren Ruf und den der Familie zu beschädigen, schweigen. Hinzu kommt die Angst, nach einer Scheidung oder Trennung in eine noch schlimmere Situation zu geraten. Die gleiche Reaktion zeigen Eltern, deren Kinder sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren.

Nur sehr wenige Menschen wagen es, zu protestieren. In der Regel haben sie sich damit abgefunden, alles zu verlieren. Denn die Opfer sexueller Gewalt wissen, dass sie nicht mit Unterstützung rechnen können. Stattdessen werden sie von der Gesellschaft verurteilt. Die Frauen können den Vorwurf erheben, ihr Mann sei gewalttätig, spielsüchtig oder alkoholabhängig. Aber den eigenen Ehemann wegen sexuellem Missbrauch anzeigen? Die Scham bei diesem Thema ist riesig.

Wie reagiert die vietnamesische Regierung auf das Problem der sexuellen Gewalt?

Die Regierung ist sich dem Problem bewusst. In mehreren Gesetzen und Verordnungen wird das Thema sexuelle Gewalt aufgegriffen. Beispielsweise im Gesetz zur Verhütung häuslicher Gewalt, im Arbeitsgesetz und im Strafgesetz. 2019 hat der Richterrat des Obersten Volksgerichts in der Resolution Nummer 6 detaillierte Definitionen zu verschiedenen Arten sexueller Gewalt festgehalten. Einschließlich Vergewaltigung und sexueller Belästigung. Früher wurde der Begriff Vergewaltigung sehr eng definiert, nämlich als Penis-Vaginal-Penetration. Heute fällt darunter z. B. auch ungewollter Oralverkehr. Das neue Arbeitsgesetz von 2019 enthält mehrere Bestimmungen zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz.

Meiner Meinung nach reicht das aber noch nicht aus. Die Durchsetzung von Gesetzen ist eine andere Geschichte als ihr Erlass. Außerdem sind die Verantwortlichen in der Regierung ebenso Teil der vietnamesischen Gesellschaft und mit soziokulturellen Vorurteilen belastet. Fälle von sexuellem Missbrauch behandeln sie entsprechend.

Ein Beispiel: Es gibt eine Geschichte über einen Ehemann, der den Verdacht hegte, dass seine Frau ihn betrogen hatte. Als Bestrafung wickelte er seiner Frau eine Decke um die Hüfte, begoss diese mit Benzin und zündete sie an. Als die Familie das bei der Polizei zur Anzeige brachte, kommentierte der Polizist, er würde dasselbe tun, sollte seine Frau ihn betrügen.

Wie schlagkräftig sind die feministischen Bewegungen in Vietnam?

Ich kann sagen, dass es bis jetzt in Vietnam keine feministischen Bewegungen gegeben hat und gibt. Die Vietnamesische Frauenunion (VWU) ist nicht aus der Frauenbewegung hervorgegangen, sondern wurde von der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) gegründet, um deren politischen Zielen zu dienen. Die VWU gibt vor, sich aktiv für Frauen und den Schutz ihrer Rechte einzusetzen. Ihr eigentlicher Zweck besteht aber darin, Frauen politisch für die KPV zu mobilisieren.

Die #Metoo Bewegung ist in Vietnam nicht stark verbreitet und wird nicht von der Politik unterstützt. Männer wie Harvey Weinstein gibt es in Vietnam unzählige. Aber ihre politische Macht schützt sie. Vor Gericht landen sie nicht.

Es gibt feministische Gruppen, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt und im Besonderen sexuelle Gewalt, einsetzen. Sie versuchen, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, um den Druck auf die Regierung aktiver zu werden, zu erhöhen. Aber insgesamt ist die feministische Bewegung noch schwach. Sie muss gefördert werden, damit sie wachsen und mehr Frauen erreichen und mobilisieren kann. Nur wenn Frauen in der Lage sind, für sich selbst einzutreten und politische Schlagkraft zu entwickeln, sich zusammenzuschließen, können Fortschritte erzielt werden.

Ich glaube, dass es einen langsamen, aber stetigen Wandel gibt. Jetzt, da Frauen finanziell unabhängiger sind, werden sie sich ihrer Rechte bewusst und beginnen, aktiv nach Gleichberechtigung zu streben. Immer mehr lokale NGOs und Aktivist*innengruppen schließen sich zusammen, um die Probleme anzugehen. Ich bin zuversichtlich, was die positiven Veränderungen in der nahen Zukunft betrifft.
 

Übersetzung aus dem Englischen von: Eva Kunkel