Nachricht | Antisemitismus (Artikel) Plass: Jüdinnen und Juden in Südafrika (1948-1990), Berlin 2020

«außerordentlich anregendes und lesenswertes Buch»

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Hanno Plass Arbeit ist Denis Goldberg gewidmet, dem im April 2020 im Alter von 87 Jahren verstorbenen Kommunisten und Weggefährten Nelson Mandelas, der 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt und erst 1985 entlassen wurde. Goldberg und anderen radikalen Gegner*innen der südafrikanischen Apartheid, die aus jüdischen, «weißen» Familien kamen, gilt die «(…) ganz unwissenschaftliche Identifizierung mit der und Bewunderung für die hier untersuchte(n) Personengruppe(n)…» (S. 44) des Autors. Das wird immer wieder deutlich – und schadet der vorliegenden Arbeit keineswegs. Plass stützt sich neben vielen Interviews mit Aktivist*innen wie eben Goldberg oder deren Angehörigen auf verschiedene Archivbestände aus Südafrika und Großbritannien sowie auf einen intensiv rezipierten Forschungsstand. Ausgangspunkt ist die im Unterschied zu anderen «weißen» Südafrikaner*innen weit überproportionale Beteiligung von Jüdinnen und Juden am Anti-Apartheid-Kampf. Plass konzentriert sich dabei auf den radikalen Flügel dieses Kampfes. Eine wichtige Fragestellung ist dabei, ob hierbei ein spezifisch «jüdischer Erfahrungsraum» (S. 16) existierte.

Im zweiten Kapitel wird der doppelte historische Hintergrund behandelt, zum einen die jüdische Einwanderung nach Südafrika, zum anderen die Entwicklung hin zum verfestigten Apartheidstaat nach dem Sieg der National Party 1948 und des Widerstandes gegen diesen. Ein besonderes Augenmerk richtet Plass dabei auf antifaschistische Erfahrungen und Praktiken, die jüdische und andere ehemalige Soldaten der britischen Streitkräfte im Kampf gegen Nazi-Deutschland, die sich etwa in der «Springbok Legion» organisierten, machten.

Antisemitismus setzte der jüdische Gemeinschaft in Südafrika zu, nicht zuletzt durch den rassistischen Afrikaaner-Nationalismus. Der Holocaust traf die jüdische Bevölkerung schwer, viele hatten Angehörige verloren. Überproportional viele Jüdinnen und Juden vertraten progressive Positionen, doch zogen andere Teile der Community aus antisemitischen Erfahrungen den Schluss, sich eher unauffällig unter den Bedingungen der Apartheid zu verhalten. Dies wird am Beispiel des «South African Jewish Board of Deputies» ausgeführt (S. 318 ff.). Nach dem Ende der Apartheid kam es zu heftigen Debatten innerhalb der jüdischen Gemeinschaften (S. 455 ff.), bei denen Goldberg und andere sich dagegen verwahrten, nun, wo es opportun sei, sich positiv auf die jüdischen Radikalen zu beziehen.

Im dritten und längsten Kapitel des Buches («Widerstand – Flucht – Exil») werden sowohl die spezifischen Erfahrungen der SACP, die bereits 1950 in den Untergrund gehen musste, als auch der Kongress-Allianz (neben dem African National Congress auch antirassistische Zusammenschlüsse, in der Sprache des damaligen Südafrika, von «Weißen», «Indern» und «Farbigen») beschrieben. Die «Freedom Charta» von 1955 war ihr Ergebnis, die ein egalitäres, demokratisches Südafrika proklamierte und eine wesentliche Grundlage der Allianz von ANC und SACP über Jahrzehnte hinweg blieb. Die Kommunisten und von ihr beeinflusste Gruppen waren lange Zeit die einzigen, die über die rassistischen Schranken hinweg Menschen zusammenführten. An dieser Stelle zeigt sich die Stärke von Plass biographischen Zugängen, denn kulturellen Milieus und Alltagserfahrungen (S. 403 ff.) waren dabei ebenso wichtig wie ideologische Ziele und politische Organisierung. Indem die kleine Minderheit «weißer» und dabei häufig jüdischer Anti-Apartheid-Aktivist*innen sich der Trennungspolitik der Apartheid entzog und für ihre Solidarität gegenüber der unterdrückten Bevölkerungsmehrheit große Risiken einging, trug sie dazu bei, dass sich der ANC und nicht der einen panafrikanisch-schwarzen Nationalismus vertretene PAC durchsetze.

Für die jüdischen Exilanten aus Südafrika war Großbritannien das wichtigste Land ihrer Flucht. Von hier aus bauten sie die britische und internationale Anti-Apartheid-Bewegung mit auf, die zur Überwindung der Apartheid ab 1990 beitrug. Viele der Anti-Apartheid-Kämpfer*innen nutzen dann, wovon das fünfte Kapitel handelt, die Möglichkeit zur Rückkehr ab 1990 und zur Mitgestaltung eines neuen Südafrika unter ANC-Führung ab 1994, doch nicht wenige blieben auch in Großbritannien.

Entsprechend der Konzentration auf die radikalen jüdischen Aktivist*innen, die sich ab Mitte der 1960er Jahre zumeist in Haft oder im Exil befanden, wird die innere Entwicklung Südafrikas ab dieser Zeit bis 1990 nur am Rande behandelt. Anders als es der Buchuntertitel suggeriert, wird dagegen auch die Phase nach 1990 zumindest skizziert. Damit verwoben ist das im vierten Kapitel behandelte Verhältnis von «Jüdischkeit und Kommunismus». Die radikalen jüdischen Anti-Apartheid-Kämpfer*innen entfremdeten sich gleich mehrfach von ihrem familiären Hintergrund: Von ihrer Klasse, in dem Maße, wie die meisten jüdischen Südafrikaner*innen in das Bürgertum aufgestiegen waren; von der herrschenden bürgerlich-weißen Gesellschaft und schließlich von jüdischer Religion und Gemeinschaft. Antifaschismus und spezifische Erfahrungen des Antisemitismus auch in Südafrika blieben allen präsent, und auch die Haltung zu Israel, so lässt sich aus Plass Darstellung indirekt ableiten, war differenzierter als in den meisten kommunistischen Milieus weltweit. Die Haltung zum Judentum variierte erheblich, von schroffer oder desinteressierter Abwendung bis hin zu einem Verständnis des eigenen Judentums als einer kulturell-historischen, allerdings nicht religiösen oder zionistischen Prägung. Pragmatisch fiel die Selbsteinschätzung von Denis Goldberg aus:

«Ich bin jüdisch, weil meine Großeltern und Eltern es waren. Meine Großeltern waren orthodox, meine Eltern waren Atheisten und ich habe keinen Grund gefunden, Dinge in theologischen Begriffen auszudrücken.» (S. 363).

Als Joe Slovo 1995 starb, der zeitweilig Generalsekretär der SACP, Mitbegründer des militärischen Zweigs der Opposition (MK) und in seinen letzten Lebensmonaten Minister im Kabinett Mandela war, würdigte ihn der südafrikanische Oberrabbiner als einen «guten Juden» (S. 467). Für Plass war ein wesentlicher Beitrag der jüdischen Aktivisten, dass sie ein in der Gesellschaft ganz seltenes Überschreiten der rassistischen Grenzen praktizierten und erfuhren. Weiterhin, so seine Interpretation im Anschluss an Philip Mendes und Esra Mendelsohn, standen sie in einer osteuropäisch-jüdischen Tradition einer Befreiung, die über die eigene Gruppe hinweg wirken sollte. So waren die radikalen jüdischen Aktivist*innen Vorkämpfer*innen eines pluralen und demokratischen Südafrika.

Hanno Plass hat ein außerordentliches anregendes und lesenswertes Buch vorlegt, das sowohl einen Beitrag zur Geschichte des Kampfes zur Überwindung der Apartheid-Herrschaft in Südafrika als auch zu einer umfassenderen jüdisch-linken Geschichte leistet.

Hanno Plass: Zwischen Antisemitismus und Apartheid. Jüdinnen und Juden in Südafrika (1948-1990), Verbrecher Verlag, Berlin 2020, 553 S., 24 EUR