Nachricht | Stadt / Kommune / Region - Südostasien - China - Die Neuen Seidenstraßen Chinesischer Massentourismus in Kambodscha

Nach einer Periode des schnellen Wachstums schwächen Covid-19 und Versäumnisse die Branche

Information

Chinesische Touristen posieren für ein Gruppenfoto im Angkor Archaeological Park, Kambodscha. CC BY-ND 2.0, Judith Blue Pool

Trotz traditionell enger Beziehungen zwischen Kambodscha und China boomt der chinesische Tourismus in Kambodscha erst seit den letzten sechs Jahren. Der neue Trend unter chinesischen Reisenden ist nicht nur auf den wirtschaftlichen Aufschwung nach dem verheerenden Regime der Roten Khmer und dem darauffolgenden Bürgerkrieg zurückzuführen, sondern auch auf die wachsende Mittelschicht in China und ihr neu entdecktes Fernweh. Die allgemeine Tendenz zum Massentourismus lässt sich daran erkennen, dass chinesische Tourist*innen häufig an Gruppenreisen teilnehmen und ihre Routen und Unterkünfte nicht individuell planen und buchen.

Um mehr Gruppentourismus anzulocken, hat Kambodscha sein Angebot angepasst – das birgt Vor- und Nachteile. Die Corona-Pandemie hat dem Tourismusgewerbe einen schweren Schlag versetzt, aber bereits Mitte 2019, war zu erkennen, dass der Boom des Massentourismus aus China abklingt.

Obwohl die Pandemie den intensiven wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen Kambodscha und China keinen Abbruch getan hat, wird sie zwangsläufig die Zukunft des Massentourismus prägen. Fachleute der Tourismusindustrie raten der Regierung und den Unternehmen, Gruppenreisen weiter zu fördern und das Wachstum der Branche anzukurbeln, sobald die Reisebestimmungen es wieder zulassen.

Die «China-Ready»-Politik

Als chinesische Reisende 2015 in großer Zahl anfingen, Kambodscha zu erkunden, setzte sich das Land das Ziel, ab 2020 jährlich zwei Millionen Besucher*innen aus China zu empfangen, was das für jenes Jahr auf 700.000 gesetzte Ziel mehr als verdoppelte. Diese «China-Ready»-Politik wurde im darauffolgenden Jahr vorgestellt und hatte zum Ziel, Anlagen auszubauen, Tourismusfachkräfte auszubilden sowie diplomatische und geschäftliche Beziehungen zu stärken, um das chinesische Interesse an Kambodscha möglichst gut zu nutzen.

Das Whitepaper des kambodschanischen Tourismusministeriums zum Tourismus aus China führt an, dass mit 88 Prozent der Großteil der Tourist*innen zu Urlaubs- und Freizeitzwecken nach Kambodscha reist, obwohl die Weltbank 2018 angab, dass 42 Prozent der chinesischen Reisenden in Kambodscha Investitionsabsichten hegten. Das Dokument betont, dass zwar Reiseveranstalter, Hotels und Restaurants für Reisende aus der Volksrepublik vorhanden seien, aber die Infrastruktur durchaus noch besser auf chinesische Reisende ausgelegt werden könnte.

Danielle Keeton-Olsen lebt als freie Journalistin in Phnom Penh und schreibt über Wirtschaft, Menschenrechte, Gesundheitswesen und die allgemeine Entwicklung Kambodschas.

Übersetzung von Irina Bondas und André Hansen für Gegensatz Translation Collective.

Bereits 2018 wurde das für 2020 anvisierte Ziel erreicht und die Messlatte höher gelegt. In einer gemeinsamen Absichtserklärung mit Beijing setzte Kambodscha ein jährliches Ziel von drei Millionen chinesischen Tourist*innen bis 2020, fünf Millionen bis 2025 und acht Millionen bis 2030 an. Auf einem globalen Tourismusforum beschrieb der kambodschanische Ministerpräsident Hun Sen 2018 den Tourismussektor seines Landes als überwiegend kulturorientiert. Doch auch außerhalb des Kultursektors ist dieser Wirtschaftszweig gewachsen, von Investitionsreisen bis hin zum Kasinotourismus.

Die 2019 geplanten Ziele wurden vom Ausbruch der Pandemie durchkreuzt, aber brancheninterne Diskussionen in der zweiten Hälfte von 2020 deuten darauf hin, dass die Volksrepublik China wieder den Löwenanteil der Urlauber*innen stellen soll.

Kulturtourismus

Laut Interessensvertreter*innen wirken sich sowohl die guten bilateralen Beziehungen als auch die direkten Flugverbindungen aus, von denen 2018 30 Prozent von chinesischen Fluggesellschaften betrieben wurden. Studien über den chinesischen Auslandstourismus zeigen, dass Gruppenreisende meistens zum ersten Mal das Land, wenn nicht das Ausland überhaupt, besuchen und deswegen ein gesteigertes Interesse an beliebten Tourismusattraktionen haben.

Der Archäologische Park von Angkor ist Kambodschas Ausflugsziel Nummer eins und als architektonisches Meisterwerk, Relikt einer bedeutenden alten Zivilisation, heiliger Ort und schöner Hintergrund für Selfies bei Sonnenaufgang eine der Hauptpilgerstätten für den chinesischen Massentourismus. Besonders in der Hochsaison ist der Andrang groß. Zum Großteil handelt es sich dabei um chinesische Gruppenreisen.

2019 kamen nahezu 40 Prozent der ausländischen Parkbesucher*innen aus China, so der staatseigene Parkbetreiber Angkor Enterprise. Für einige Kambodschaner*innen ist der Angkor-Park eine wichtige buddhistische Stätte, die allerdings durch große, laute Menschenansammlungen gestört wird. Als die Pandemie den internationalen Tourismus lahmlegte, mieteten kambodschanische Familien und Jugendliche scharenweise Fahrräder und Motorräder, um den Park zu durchqueren. Auswärtige kauften Tickets, um die ungewöhnlich menschenleere Tempelanlage zu besichtigen.

Es gibt die Befürchtung, dass die alte Tempelanlage dem Massentourismus nicht standhält und die Wasserversorgung für Tourismus und Hotels nicht gewährleistet werden kann. Die Branche ist sich einig, dass Kambodscha und insbesondere Siem Reap weitere Angebote brauchen, um sowohl erstmalige als auch wiederkehrende Besucher*innen anzusprechen.

Im Laufe der letzten Jahre wurde landesweit eine Reihe großflächiger touristischer Projekte genehmigt, um aus dem wachsenden chinesischen Interesse Kapital zu schlagen. Die staatliche China Road and Bridge Corporation hat das steigende Potenzial von Sihanoukville als Wirtschafts- und Tourismusstandort erkannt und baut für zwei Milliarden Dollar eine Autobahn zwischen Phnom Penh und Sihanoukville , die 2023 eröffnet werden soll.

Letztes Jahr hat die kambodschanische Regierung mit Nagaworld, dem Kasinobetreiber aus Phnom Penh, der 2019 einen Bruttoumsatz von 1,72 Milliarden US-Dollar erzielte und bei chinesischen Tourist*innen sehr beliebt ist, für ein begehrtes Grundstück im Archäologischen Park, das etwa 500 Meter vom Angkor-Wat-Tempel entfernt ist, einen Pachtvertrag über 50 Jahre geschlossen. Das Kulturministerium lehnte zwar die Pläne des Unternehmens für einen Themenpark wie «Disney World» mit Verweis auf die religiöse Bedeutung des Tempels ab, aber das Mutterunternehmen Naga Corp behält sich das Recht vor, auf seinen 75 Hektar weniger störende Vorhaben zu realisieren. Zu weiteren Großprojekten zählen die am Flussufer gelegenen Wolkenkratzer des Geschäfts- und Tourismuskomplexes der Yuetai Group in Phnom Penh, Ferienresorts mitten im Ream-Nationalpark in der Provinz Sihanoukville und am angrenzenden Küstenstreifen sowie das Dara Sakor Resort in der Provinz Koh Kong, das als Ziel von Sanktionen durch die US-Regierung Bekanntheit erlangt hat.

Diese Anlagen haben ihren Betrieb noch nicht vollständig aufgenommen, sodass ihr wirtschaftlicher Effekt nicht genau messbar ist. Die Anwohner*innen gaben allerdings an, während der Bauphasen zuweilen sogar gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben worden zu sein, selbst in Umweltschutzgebieten. In der Provinz Koh Kong wurden durch die Bauvorhaben des Tourismusresorts Dara Sakor und eines großflächigen Flughafens durch die Union Development Group 1100 Familien, die von der Küstenfischerei lebten, umgesiedelt und ihr Zugang zur Küste teilweise abgeschnitten. Als sie versuchten, ihre Ansprüche auf das von ihnen seit Jahrzehnten bewohnte Land geltend zu machen, wurden sie von mit Äxten und Hämmern bewaffneten Wächtern empfangen.

So wurden auch große Teile des Ream-Nationalparks ausländischen Unternehmen versprochen, die dort Tourismusparks errichten wollen. Obwohl den Einwohner*innen 2020 endlich Grundstücke zugestanden wurden, berichteten sie, keinen Zugang zu ihrem Ackerland zu haben. Vertreter*innen der Community gaben an, dass Proteste gegen die strenge Überwachung der Bewohner*innen mit Gefängnisstrafen für junge Demonstrant*innen geahndet worden seien.

Reporter*innen und Regierungsvertreter*innen haben auch Beweise dafür gefunden, dass chinesische Unternehmen wie Yuetai und Yeejia Teile ihres Konzessionsgebietes an kleinere chinesischsprachige Baufirmen weiterverkaufen, was gegen die Konzessionsbestimmungen verstößt.

Kasinotourismus und Investitionsreisen

Kambodschas Kasinogeschäft konnte seinen Nutzen aus der wachsenden Mittelschicht Festlandchinas und dessen Glücksspielverbot ziehen. Es erfuhr einen ebenso schnellen Aufschwung wie die Zahl chinesischer Besucher*innen. Für Kambodschaner*innen selbst ist das Glücksspiel verboten, was die Branche als solche vollständig vom Tourismus abhängig macht.

Diese Tendenz war am eindrucksvollsten in Sihanoukville zu beobachten, der ehemaligen Hafenstadt und Urlaubsdestination am Meer, die sich innerhalb von knapp drei Jahren in eine geschäftige Metropole mit zahlreichen Gästen verwandelte. Sowohl Freizeit- als auch Geschäftsreisende machten in der Küstenstadt Halt, um die Strände und die Spieltische zu besuchen, und Unternehmer*innen erkundeten in großer Zahl Optionen für neue Bauvorhaben im Land.

Wenngleich einige dieser neuen Investitionen einen Anreiz für kambodschanische Unternehmen boten, wurden viele der neuen Firmen von im Ausland lebenden chinesischen Unternehmer*innen geführt, die fast ausschließlich Chinesisch sprachen und somit wenig Raum für kambodschanische Unternehmer*innen ohne Chinesischkenntnisse ließen. Die Grundstückspreise in Sihanoukville sind in den letzten Jahren drastisch angestiegen.

Viele Kambodschaner*innen, die in der Metropole arbeiten, sind auf den Baustellen und in den Kasinos beschäftigt oder als selbstständige Fahrer*innen und Straßenverkäufer*innen erwerbstätig. Auf dem Höhepunkt des Kasino- und Baubooms 2018–2019 gerieten einige Anbieter*innen von Dienstleistungen für den Strand- und Rucksacktourismus in finanzielle Not und wurden sogar von ihren Grundstücken am Meer verdrängt. Andere tauschten ihre Jobs in der Tourismusbranche gegen lange Schichten unter gefährlichen Bedingungen im Kasino- oder Baugewerbe.

Einheimische Tourist*innen ärgerten sich unterdessen über neue Schilder mit chinesischer Werbung und schlechten Khmer-Übersetzungen, über die wachsende Zahl von Chines*innen in der Stadt und die abfallübersäten Straßen. Während die Skyline rasch in die Höhe wuchs, konnte die Infrastruktur nicht mithalten und die Straßen der Stadt verwandelten sich in der Monsunzeit in zugemüllte Flüsse.

Online-Glücksspiele für ausländische Kund*innen, vor allem aus Festlandchina, wurden zu einem wichtigen Bestandteil der kambodschanischen Kasinobranche und der dynamischen Entwicklung von Sihanoukville. Doch ein Gesetz zum Verbot des Online-Glückspiels erschütterte diese Branche sowie fast die gesamte Wirtschaft in Sihanoukville. Mit Verweis auf die Gefahren für die Sicherheit und die soziale Ordnung verkündete die kambodschanische Regierung im August 2019 das Gesetz, das Anfang 2020 in Kraft trat. Bereits die Verkündung dieser Vorschrift veranlasste eine Reihe von Betrieben, vorsorglich zu schließen, aber erst Anfang 2020 wurden die Auswirkungen durch das Inkrafttreten vollumfänglich sichtbar, als das Coronavirus sich zeitgleich von China aus über den Rest der Welt ausbreitete.

Schätzungen zufolge wanderten alleine in der Provinz Sihanoukville über 400.000 Chines *innen aus, als das Verbot im Januar 2020 in Kraft trat. Sowohl chinesische als auch kambodschanische Unternehmer*innen und Arbeiter*innen verloren ihre Arbeit und mussten teilweise in der leergefegten Stadt bleiben.

Selbstständige und angestellte kambodschanische Erwerbstätige gaben an, dass sich ihre Situation im Zuge des Verbots und der Pandemie Anfang 2020, als der Tourismus und die Auslandsgeschäfte erheblich zurückgingen, weiter verschlechterte. Obwohl einige Kasinos Ende letzten Jahres den Betrieb wiederaufgenommen haben, agieren Straßenverkäufer*innen und Fahrer*innen weiterhin eingeschränkt, da die Polizei ihren Verkauf an Stränden und Privathotels untersagt und die Unternehmen Fahrer*innen hindern, an bestimmten Orten zu parken.

Doch der Sektor birgt noch größere Gefahren: Berichte über kriminelle Glücksspielringe, brutale Angriffe, Entführungen und Morde kursierten in den lokalen Medien schon vor dem Verbot. Der berüchtigte Mafiaboss Wan Kuok-koi von der gefürchteten 14K-Triade aus Macau gründete in Kambodscha 2018 ein Kryptowährungsunternehmen und einen Kulturverein, um seinen Geschäften den Anschein von Legalität zu verleihen. Das Verbot von 2019 half den Behörden bei der Verfolgung des wild wuchernden organisierten Verbrechens in Sihanoukville, aber bis heute wird regelmäßig über Fälle von Bandenkriminalität und Razzien in illegalen Online-Kasinos berichtet. Die chinesische Botschaft in Kambodscha warnte im Januar 2021 chinesische Staatsangehörige davor, in kambodschanischen Kasinos zu spielen, nachdem sich lokale Medienberichte über Todesfälle im Zusammenhang mit dem Glücksspiel häuften. Angesichts der geringen Zahl an Reisenden zum damaligen Zeitpunkt ist die Effektivität dieser Warnung jedoch nicht ersichtlich.

Kasinos und der von ihnen beförderte Tourismus bringen dem Land Einnahmen. Das Steueraufkommen schätzte ein Vertreter des Wirtschafts-und Finanzministeriums 2018 auf 56 Millionen US-Dollar. Die neue Einkommensquelle wurde aber auch von feindseligen Stimmungen gegenüber Chines*innen begleitet, die durch die Kriminalität in der Kasinobranche hervorgerufen wurde. Menschenrechtler und Aktivist Ou Virak stellte 2018 jedoch fest, dass Sihanoukville bereits über eine Kultur des exzessiven Alkohol- und Drogenkonsums, der Kriminalität und der Prostitution verfügt hatte, als die meisten Tourist*innen noch aus dem Westen kamen. «Es ist das Unbekannte», sagte er. «Ein betrunkener Chinese macht mehr Angst als ein betrunkener Weißer, dem man jede Nacht begegnet.»

Erfolg und Belastungen aus der Sicht eines Reiseunternehmens

Angesichts der wirtschaftlichen und diplomatischen Vorteile, die der chinesische Massentourismus bietet, empfiehlt eine Kennerin der Branche, dem Trend zu folgen, gleichzeitig aber das Verhalten der Akteur*innen stärker zu regulieren und negative Auswirkungen zu verhindern. Der enorme Andrang neuer Besucher*innen in Kambodscha hatte laut Chhay Sivlin, Präsidentin des kambodschanischen Verbands für Reiseunternehmen, unmittelbare Auswirkungen auf die Wirtschaft. Der Tourismussektor erwirtschaftete 2019 nahezu fünf Milliarden US-Dollar, was es der sonst landwirtschaftlich und leichtindustriell geprägten Provinz Siem Reap ermöglichte, seit Ende 2020 ihre Infrastruktur auszubauen. Die Zunahme von Gruppenreisen stärkte auch langfristige Modernisierungsmaßnahmen der Sparte, schuf neue Arbeitsplätze und förderte Kambodschas positives Image in China, um potenzielles Reiseinteresse zu wecken.

Sivlin räumte allerdings ein, dass es auch eine Reihe negativer Folgen für den Tourismus gab. Der rasante Anstieg der Besucher*innenzahlen führte zur Beeinträchtigung der Atmosphäre in den touristischen Stätten, vor allem im kulturhistorisch bedeutenden Park von Angkor. So müssen Reiseleiter*innen oft laut und manchmal mit Megafon zu großen Gruppen sprechen, während die Menschenmengen von vielen Einzelbesucher*innen, vor allem aus dem Westen, als unangenehm empfunden werden.

Die Massentourist*innen selbst erhalten nicht ausreichend Informationen über die Tempel und können die Sehenswürdigkeiten nicht eigenständig erkunden, was ihr Vergnügen schmälert. Sivlin stellt fest, dass es in Kambodscha einen Mangel an Chinesisch sprechenden Reiseleiter*innen gibt. Die wenigen, die in der Lage wären, die Gruppen zu betreuen, waren von den Massen so überfordert, dass Freundlichkeit und Servicequalität darunter litten.

Gruppen von Massentourist*innen brachten auch einen verhängnisvolleren Trend mit: den Null-Dollar-Tourismus, bei dem die Teilnehmer*innen bei einer chinesischen Firma eine Pauschalreise buchen, die alles abdeckt, weswegen sie kaum Geld im Gastland ausgeben. Einzig in überteuerten Souvenirläden, die mit den Reisegesellschaften gemeinsame Sache machen, lassen sie ihr Geld, wobei die Reiseleiter*innen sie dazu nötigen, in den von ihnen ausgewählten Geschäften einzukaufen.

Obwohl die Regierung versprochen hat, solche Null-Dollar-Reisen zu verbieten, ist nur wenig darüber bekannt, wie viele Firmen überprüft oder geschlossen wurden, wie die Sanktionen ausgestaltet sind und welche finanziellen Folgen der Null-Dollar-Tourismus hat. Es bleibt also ungewiss, wie diese Vorschriften in Zukunft durchgesetzt werden sollen. Nach Schätzungen der Weltbank ist der Anteil der Einnahmen Kambodschas aus dem internationalen Tourismus am gesamten Exportvolumen leicht gesunken, von 26,2 Prozent im Jahr 2018 auf 25,2 Prozent im Jahr 2019.

Vorbereitung auf mehr Besucher*innen

Sivlin macht deutlich, dass Kambodschas Tourismusbranche schon vor der Pandemie im weltweiten Vergleich eingebrochen war, wie die abnehmenden Ticketverkäufe im Angkor-Park und Analysen der Weltbank belegen. Sie führt den Einbruch der Besuchszahlen auf mehrere Faktoren zurück, unter anderem große Baumaßnahmen in den Tourismusgebieten und die Überfüllung des Parks. «Geschichten von überlaufenen Tempelanlagen machten die Runde, und das hielt viele von der Reise nach Siem Reap ab.»

Auch der Null-Dollar-Tourismus sprach sich herum, was dazu führte, dass gegen Ende 2019 weniger Menschen Gruppenreisen buchten. Sivlin glaubt, dass Kambodscha für einen wiederholten Besuch mehr bieten müsste als den Angkor-Park, zumal einige Gäste angesichts des Handelskriegs zwischen den USA und China keine Reise antreten wollten.

Sivlin ist der Meinung, dass verschiedene Maßnahmen der Regierung die Attraktivität Kambodschas für Reisegruppen und Individualreisende verbessern könnten. Die staatlichen Behörden könnten beispielsweise Förderungen und Anreize für Tourismusfachkräfte schaffen, um die chinesische Sprache und soziale Kompetenzen zu erlernen und so mehr Reiseveranstalter*innen und Fremdenführer*innen auszubilden, die solche Touren betreuen und die Branche entlasten könnten. Die bisher ungeregelten Aspekte von Gruppenreisen könnten durch Vorschriften effizienter gestaltet werden, so zum Beispiel die Optimierung der Ankunft und Abfertigung von Reisegruppen am Flughafen. Parkangestellte könnten Auslastungsgrenzen für den Angkor-Park festlegen und kleinere Gruppen in andere Bereiche schicken, falls diese sich durch Menschenansammlungen belästigt fühlen. Darüber hinaus schlägt sie Vorschriften für die Verbesserung von Gesundheitsschutz und Sicherheit vor, insbesondere bei Bootstouren.

Covid-19 und die Zeit danach

Unternehmen, die auf chinesischen Massentourismus angewiesen waren, wurden von der globalen Pandemie und dem nahezu kompletten Stillstand des Freizeittourismus besonders schwer getroffen. Aber nicht nur dieses Segment des kambodschanischen Fremdenverkehrs wurde laut Sivlin vom Virus folgenschwer beeinträchtigt.

Seit Anfang 2020 wurde berichtet, dass das Gelände des Archäologischen Parks weitgehend leer stand, nachdem die chinesische Regierung alle Gruppentouren untersagt hatte. Nach Angaben von Angkor Enterprise, das Eintrittskarten an ausländische Tourist*innen verkauft, lagen diese Ticketverkäufe bereits im Januar 2020 17,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau und sanken stetig weiter. 2020 verkaufte Angkor Enterprise 400.000 Tickets, was einen Rückgang von 81,8 Prozent gegenüber 2019 darstellte. In den ersten acht Monaten des Folgejahres fiel die Zahl der chinesischen Gäste um 83 Prozent. Kambodscha ließ 2020 zwar meist den internationalen Flugverkehr zu, verpflichtete allerdings ausländische Staatsangehörige zu einer Kaution von 2000 US-Dollar für eine zweiwöchige Quarantäne im Hotel, was Urlaubsreisen zwangsläufig torpedierte.

Bis Juli hatten 18 Hotels und 96 Pensionen aufgrund der Pandemie ihren Betrieb dauerhaft eingestellt und mehrere Hunderte vorübergehend geschlossen, was etwa 8000 Angestellte betraf. Kasinomitarbeiter*innen in Sihanoukville konnten Mitte des Jahres ihre Arbeit zwar wiederaufnehmen, aber die Flucht der Spieler*innen vor dem Online-Glücksspielverbot und der Pandemie sorgte für verkürzte Arbeitszeiten, geteilte Schichten und teilweise geringere Gehälter. Die einst lukrative Tätigkeit warf kaum noch Profit ab. Tourismusfachkräfte, die vorübergehend arbeitslos sind, können staatliche Unterstützung in Höhe von 40 US-Dollar pro Monat erhalten, während Hotels, Restaurants und Reisebüros von Steuerabgaben befreit wurden. Beide Hilfsmaßnahmen wurden vorläufig bis Ende Juni 2021 verlängert.

Der Inlandstourismus hat in Kambodscha wieder Einzug gehalten, den Ökotourismus vorangetrieben und dem gebeutelten Siem Reap eine Überlebenshilfe geboten. Ende 2020 eruierten kambodschanische Tourismusverbände die Möglichkeiten, eine chinesisch-kambodschanische Reisezone zu schaffen, nachdem sich China im Laufe des Jahres weitgehend stabilisiert hatte. Doch dann verstießen zwei infizierte Chines *innen gegen die Quarantänepflicht nach der Einreise und verursachten unwissentlich einen massiven landesweiten Ausbruch, wobei die Gesamtzahl der Fälle in Kambodscha von weniger als 500 Mitte Februar 2021 auf mehr als 10.000 bis Ende April anstieg. Da die Stadt sich momentan im Lockdown befindet, ist ungewiss, wann eine gemeinsame Reisezone kommen könnte.

Obwohl eine Normalisierung derzeit schwer vorstellbar ist, prognostiziert Sivlin die Rückkehr des Gruppentourismus, auch wenn es nach der sich über die Luft ausbreitenden Pandemie naheliegende Bedenken gegenüber großen Menschenmengen gibt. Sivlin vermutet, dass anfangs vor allem kleinere Gruppen von Einzelpersonen oder Familien anreisen werden und viele aus Vertrautheit oder Neigung nach Kambodscha kommen, ob für Familienbesuche oder Geschäftsreisen.

Es könnte noch einige Zeit dauern, bis der Massentourismus sich wieder erholt: «Es wird in Kambodscha immer Gruppentourismus geben, es wird aber langsam losgehen, bevor das bisherige Niveau wieder erreicht ist, und dafür muss Kambodscha die Situation in den Griff bekommen.»