Nachricht | Geschichte Materialistische Kultur- und Gesellschaftskritik

Zum 100. Geburtstag von Raymond Williams, Vordenker der Neuen Linken

Information

Der walisische Sozialist und Gesellschaftstheoretiker Raymond Williams, der am 31. August 100 Jahre alt geworden wäre, gehört zu den herausragenden Figuren der britischen Linken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Literaturwissenschaftler, Kulturhistoriker und Kultursoziologe hat er nicht nur zahlreiche bleibende Beiträge zur britischen Kulturgeschichte und Nachkriegsgesellschaft vorgelegt, sondern, als Romancier, Theater- und Drehbuchschreiber auch selbst in das von ihm bearbeitete Feld eingegriffen. Und auch die Arbeiten des politischen Intellektuellen und Theoretiker, der als Essayist, Kommentator und Aktivist immer wieder nachhaltig in die Diskussionen der britischen Linken eingegriffen hat, sind von einer besonderen Qualität. Auf der deutschen Linken nie so richtig angekommen und auch heute entsprechend nur noch wenigen bekannt (anders als seine beide Schüler Stuart Hallund Terry Eagleton), gehört sein Name im angelsächsischen Sprachraum zu den ganz großen, an die zu erinnern nicht nur von nostalgischem Interesse ist.

Ein Grenzgänger

Als Sohn einer Eisenbahnerfamilie im ländlichen Grenzland von Wales geboren (er sollte später viel darüber schreiben – nicht nur, aber vor allem in seinen Romanen), gehörte Williams zur ersten Generation von britischen Arbeiterkindern, die es in die höheren Bildungsinstitutionen und ihre Zitadellen Oxford und Cambridge schafften. Bereits seine ersten, in den vierziger und zu Beginn der fünfziger Jahre veröffentlichten Arbeiten zur Kulturgeschichte und Literaturtheorie zeichneten sich durch eine linke, aufgeklärt-humanistische Kritik des in den Dreißigern vorherrschenden marxistischen Reduktionismus aus, dessen politisch-intellektuelles Kind auch er selbst gewesen war?. Nach seiner Ausbildung in der Oxforder Erwachsenenbildung tätig, arbeitete er schon früh an ersten Romanfassungen und als Mitherausgeber der Zeitschrift Politics and Letters, bevor er in den Fünfzigern Studien zu Ibsen, zur Geschichte des Dramas und des Films veröffentlichte. Mit den beiden Büchern Culture and Society (1958) und The Long Revolution (1961) erlebte er dann, am Ende des Jahrzehnts, seinen öffentlichkeitswirksamen Durchbruch.

Christoph Jünke ist Historiker und lebt in Bochum. Er ist aktiv im Gesprächskreis Geschichteder RLS und hat zuletzt, zusammen mit Bernd Hüttner, Von den Chancen der Befreiung. Der 8. Mai 1945 und seine Folgen (Rosa Luxemburg Stiftung, Berlin 2020) herausgegeben.

Bietet Culture and Society (das 1972, unter dem Titel Gesellschaftstheorie als Begriffsgeschichte. Studien zur historischen Semantik von Kultur, auch in holprig-schlechtem Deutsch verlegt wurde) einen beeindruckenden Überblick über die Sozialgeschichte der englischen Literatur, wirft The Long Revolution nicht nur einen weiteren, vertiefenden Blick auf diese Geschichte, sondern versucht auch, seine dort erarbeiteten Erkenntnisse und Methoden auf die Gegenwart der britischen Gesellschaft der sechziger Jahre anzuwenden (Teile dieses Werkes wurden in das zweite auf Deutsch vorliegende Williams-Buch aufgenommen, in die 1977 erstmals erschienene und 1983 erneut aufgelegte Aufsatzsammlung Innovationen. Über den Prozesscharakter von Literatur und Kunst).

Kreative, schöpferische Kultur

Von besonderer Zentralität sind in diesen Studien die Beziehungen von Kultur, Klasse und Politik sowie ein neues linkes Verständnis von Kultur. Williams versteht Kultur nicht mehr, wie bis dahin noch üblich, vorrangig als elitäre literarische Hochkultur, sondern in einem gesamtgesellschaftlichen, ebenso klassengebundenen wie ganzheitlichen Sinne, als jene in Gemeinschaften («communities») gelebte und sich entwickelnde Alltagskultur des «einfachen Mannes» (sprich: Menschen), als kollektive Lebensweise, die zwischen dem politisch-ökonomischen und dem ästhetischen Menschen keine künstlichen Schranken zieht und wesentlich interaktiv strukturiert ist. Er wandte sich damit gegen ein plattes Basis-Überbau-Denken, öffnete den Blick für die populären Kulturen und ihre subversiven Elemente, und versteht Kultur als ein komplexes und historisch umkämpftes Produkt, als Kampf, Kommunikation und Verhandlung zwischen herrschenden und subalternen Klassenkulturen, die eigene, nicht auf den ökonomischen Determinismus zu reduzierende Beharrungskräfte aufweisen. Er nahm damit nicht nur die Bedeutung kultureller Prozesse bei historischen Übergängen ins Visier seiner materialistischen Kulturwissenschaft, sondern betonte auch, dass und wie im zeitgenössischen Hier-und-Jetzt emanzipative Gesellschaftsveränderungen möglich werden, wenn sie mit lang andauernden kulturellen Kämpfen und Neubestimmungen einhergehen.

Seiner Betonung kulturrevolutionärer Prozesse zugrunde lag dabei eine konzeptionelle Wiederaneignung des von traditionellen Marxisten allzu schnell als «Idealismus» verworfenen kreativ-schöpferischen menschlichen Geistes. Mit dem spezifisch menschlichen Gehirn und seiner Bewusstseinsbegabung, so Williams, gewinne die progressive Dialektik von Natur und Kultur ein methodologisches Fundament, das mittels kollektiv gelebter Sprache und Kommunikation in den entwicklungsgeschichtlichen Prozess eingreife und den Individuen ihre Möglichkeiten zur Selbsttätigkeit und Selbstermächtigung, und zur Veränderung auch der gesellschaftlichen Institutionen gebe: «Wenn der Mensch ein wesentlich lernendes, schaffendes und kommunizierendes Wesen ist», schreibt er in The Long Revolution, «dann ist die einzige soziale Organisation, die seiner Natur entspricht, eine partizipative Demokratie, in der wir alle als einzigartige Individuen lernen, kommunizieren und herrschen.»

Vordenker der Neuen Linken

So machte sich Williams zum Stichwortgeber einer sich nach 1956 weltweit entfaltenden Neuen Linken, die nicht nur die Erstarrungen der reformistischen und stalinistischen Linken zu überwinden versuchte, sondern auch jenen spätbürgerlichen Individualismus angriff, der sich in der neokapitalistischen Feier seines warenförmigen Monadendaseins selbst bespiegelt. Der im Jahre 1961 zum Universitätsprofessor in Cambridge Gekürte hatte ein feines Gespür für diesen bürgerlichen Individualismus auch in Fragen der wissenschaftlichen Methodik. Seine eigene Klassenerfahrung war ihm nur allzu präsent, um nicht zu verstehen, dass Individuen Teile gemeinschaftlicher Kollektive sind und dem proletarischen Milieu dabei ein spezifischer Kollektivismus eigen ist, ohne den eine Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung kaum möglich sein wird. Daher seine (E.P. Thompson vergleichbare) Betonung der radikaldemokratischen Volkskulturen und ihrer kulturellen Bedeutung. Daher auch sein lebenslanges persönliches Engagement in politischen Basisbewegungen – in den Fünfzigern und Sechzigern innerhalb der Neuen Linken, in den Siebzigern in walisischen und ökosozialistischen Zusammenhängen, in den Achtzigern bspw. in der Antikriegsbewegung und zugunsten der großen Bergarbeiterstreiks. So vielfältig war sein Engagement und so reichhaltig sind seine dieses Engagement begleitenden schriftlichen Interventionen, dass sie hier nicht einmal annähernd erwähnt werden können. Nur zwei herausragende Beispiele müssen genügen.

1966/67 initiierte er, zusammen mit E.P. Thompson und Stuart Hall die May-Day-Manifesto-Bewegung, unter dessen Namen sie 1968 (zusammen mit zahlreichen weiteren führenden Neuen Linken jener Jahre) eine buchlange Streitschrift veröffentlichten, die als einer der wenigen politisch-programmatischen Kollektivarbeiten der «68er»-Generation in die Geschichte eingehen sollte. Das in hohen Auflagen vertriebene Werk bietet eine umfassende und tiefgreifende Analyse der sich verändernden britischen Gesellschaft, ihrer ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Tendenzen wie ihrer internationalen Einbettung. Und mit einer Verve, die nichts an ihrer Kraft verloren hat, rechnen die Autoren hier mit dem technokratischen Gesellschaftsdenken der damaligen sozialdemokratischen Labour-Regierung ab, der die schon damals gern gepflegte Modernisierungsrhetorik bloßes ideologisches Mittel war, die Reformblockaden des spätkapitalistischen Systems technokratisch aufzuheben und mit der Vergangenheit zu brechen, ohne Zukunft wirklich zu gestalten. Politik wird so auf eine vermeintlich konfliktfreie und politisch neutrale Sozialtechnologie reduziert und als politisch-bürokratisches Management einem gesellschaftspolitischen Konsenszwang unterworfen, das, genauer betrachtet, nur den Konsens zwischen privatwirtschaftlichen und politisch-öffentlichen Eliten organisiert (die dabei die großen Kommunikationssysteme sicher in ihren Händen halten), während große Teile der Bevölkerung von diesem Herrschaftsspiel ausgeschlossen bleiben.

Ein zweites, nicht minder tragendes Motiv seines Lebenswerkes findet sich in dem 1971 veröffentlichten, nur hundert Seiten starken, aber besonders gehaltvollen Büchlein über George Orwell, in welchem er den international bekannten Schriftsteller als spezifischen Typus eines ebenso britischen wie europäischen Linksintellektuellen seiner und unserer Zeit liest. Wenn Williams am Beispiel von Orwells Epochenroman 1984 darstellt, dass und wie dessen Protagonist aus der Konformität ausbricht, geschlagen wird und wieder in die alte Konformität zurückfällt, zeigt er gleichzeitig auf, dass dessen Handlungsweise auch etwas mit einer gesellschaftlich bedingten, «falschen» Gefühls- und Denkstruktur zu tun hat, also falsches Bewusstsein (Ideologie) darstellt: «Indem er den Kampf als einen Kampf zwischen bloß wenigen Individuen, über die Köpfe einer vermeintlich apathischen Masse hinweg, betrachtete, schuf Orwell die Voraussetzungen für die eigene Niederlage und Verzweiflung.» Für Williams ist dieser Orwellsche Typus das Sinnbild jener Linken und «westlichen Marxisten», die in ihrem elitären Pessimismus an den vermeintlich unreifen und konservativen Massen verzweifeln, weil sie aus ihrer eigenen Ohnmacht eine Tugend machen. Dagegen setzte er sein Verständnis einer partizipativen Demokratie, in der die Mittel und Wege erlernt und gelehrt werden, auf denen die Menschen als Ganze, in ihrer Mehrheit in den Prozess selbsttätiger Selbstverwaltung einbezogen werden können. Die für eine solch «lange Revolution» nötige menschliche Energie entspringe dabei der Überzeugung, «dass die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können, indem sie die Zwänge und Beschränkungen älterer Gesellschaftsformen durchbrechen und neue gemeinsame Institutionen entdecken und entwickeln». Eine Sisyphusarbeit auch dies, ja, aber einen anderen Weg wird es nicht geben – das blieb Williams‘ Überzeugung bis zum Schluss.

Popkultur und Postmodernismus

Um diesen politischen Kern herum entfaltete sich ein hier nicht näher darstellbares, reichhaltiges Werk an gesellschaftswissenschaftlichen und kulturmaterialistischen Studien, das ganz selbstverständlich nicht nur die literarische Tradition behandelt, sondern ebenso die in den sechziger Jahren machtvoll aufkommenden und in den Siebzigern und Achtzigern allgemein vorherrschenden Themen einer auf Film und Fernsehen setzenden, massenmedialen Popkultur aufgriff und behandelte. Williams wurde nie müde, über Modernismus und Realismus, über das britische Landleben und die um sich greifende Urbanität, über die Sozialgeschichte der Ideen und die Begriffsgeschichte sozialwissenschaftlicher Konzepte oder die Begrifflichkeiten und Konzeptionen eines zeitgenössischen Marxismus zu schreiben (herausragend hierbei sein 1977 erstmals veröffentlichtes – leider nicht ins Deutsche übersetzte – Grundlagenwerk über Marxism and Literature). Und seine so frühe wie treffende Beschäftigung mit anthropologischen und naturwissenschaftlichen Fragen ging in den Achtzigern in eine Betonung ökologischer Fragen über.

Früh öffnete er sich auch «postmodernen» Themen wie Raum und Differenz. Sein letzter großer Kampf galt jedoch dem mit diesen Strömungen gleichzeitig verbundenen neuen Konformismus, der in Zeiten des marktradikalen neoliberalen Thatcherismus auch Teile der Linken erfasste. Hatte Williams seine cultural studies als Materialisierung einer Selbstemanzipation der lohnarbeitenden und subalternen Klasse verstanden, als anti-elitäre Demokratisierung und Politisierung, so gebaren die nun zunehmend sich akademisch durchsetzenden neuen Kulturwissenschaften einen neuen Konformismus, einen nonkonformistischen Konformismus, der die Popkultur und ihre Feier der Marginalität nicht als Bereicherung einer sozialistischen Linken, sondern als deren Ablösung feierte und mit den politischen und sozialen Kämpfen seiner Zeit nichts mehr anzufangen wusste. Hatte der einstmals sozialistisch-kommunistische Dogmatismus Kultur nur als politisches Instrument einer Generallinie anerkannt und die Dialektik von Allgemeinem und Individuellem ignoriert, so schlug die Revolte gegen diese Tradition nun in jenen postmodernen Kulturalismus um, der Politik gänzlich in Kultur auflöst. Dass dies nicht zwangsläufig so sein muss, auch dafür stehen Leben und Werk des im Januar 1988 verstorbenen Raymond Williams.

Zum Weiterlesen:

Spannendes Material zu Leben und Werk bietet der von der Raymond Williams-Society verantwortete Internetauftritt: https://raymondwilliams.co.uk/

Roman Horak, Ingo Pohn-Lauggas, Monika Seidl (Hrsg.): Über Raymond Williams. Annäherungen. Positionen. Ausblicke; ARGUMENT Sonderband 314, Hamburg 2017

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