Nachricht | Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Migration / Flucht «Ich habe massive Alpträume»

Ali Mohammadi über sein Leben mit Behinderung in Moria, die Corona-Situation und die Angst, abgeschoben zu werden.

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Autor

Nikolai Huke,

Bild: Albina Akhmedova

Ein Interview von Nikolai Huke (12.02.2021)

Wo haben Sie gelebt, bevor Sie nach Deutschland gekommen sind?

Ali Mohammadi: Ich war zunächst in Griechenland im Flüchtlingscamp Moria. Damals befanden sich zwischen 8.000 und 9.000 Flüchtlinge verschiedenster Nationalitäten im Camp. Die meisten hatten einen langen Weg hinter sich, der mit vielen Ängsten und Gefahren verbunden war. Durch die Wälder, durch das Meer mit einem Schlauchboot, wahnsinnig gefährlich und unsicher. Im Camp war es unheimlich stressig und es gab viele angstauslösende Situationen. In jeder Ecke passierte irgendwas, Schlägereien, viele Auseinandersetzungen. Man stand zum Beispiel in der Essensschlange und da haben sich Menschen gestritten, geschlagen. Das war unheimlich belastend. Das Problem war, man wurde quasi gezwungen, dort Asyl zu beantragen, sonst drohte die Polizei einem, dass man abgeschoben wird. Zum Beispiel sagten sie: «Sie sind heute angekommen, wir werden Sie bis heute Abend zurück abschieben, falls Sie kein Asyl beantragen.»

Können Sie Ihren Alltag in Moria beschreiben?

Die Situation war unheimlich schwierig. Ich bin behindert, ich sitze im Rollstuhl, das heißt für mich war das alles wahnsinnig kompliziert und belastend. Als wir da angekommen sind, lebte ich in einem Zelt mit 16 Personen. Unser Zelt stand ganz am Rand, dadurch haben wir haben alle Konflikte sehr intensiv mitbekommen. Unser Zelt wurde mit Messern kaputtgemacht oder es wurden Menschen auf das Zelt quasi geworfen. In der ersten Zeit hatte ich keinen Rollstuhl. Ich konnte weder aufstehen noch ganz banale Dinge, wie aufs Klo zu gehen, tun. All das konnte ich nicht machen. Ich lag auf einer Matratze auf dem Boden. Ich hatte weder Freunde noch Familie im Camp, aber einige Menschen um mich herum, die mir gelegentlich geholfen haben. Das Schlimme war: Egal, was passierte, zum Beispiel wenn es Streitigkeiten oder Konflikte gab, konnte ich nicht einmal aus dem Zelt wegrennen. Wenn man es nicht selbst erlebt hat, ist es kaum möglich, so richtig nachvollziehen zu können, wie belastend diese Situation war. Die Kälte und die Gesamtsituation im Camp haben dazu geführt, dass ich wahnsinnige körperliche Schmerzen bekommen habe, unter denen ich sehr gelitten habe. Es gab einen Arzt für circa 9.000 Flüchtlinge im Camp. Medizinische Versorgung gab es nur für große Notfälle, zum Beispiel Herzinfarkte, Sachen, wo wirklich das Leben schon in Gefahr war. So einer wie ich mit wahnsinnigen körperlichen Schmerzen oder auch urologischen Problemen, der wurde nicht versorgt.

Was waren das für Konflikte und Auseinandersetzungen, die es in Moria gab?

Zu Konflikten kam es zum Beispiel oft während der Essenszeiten. Sie können sich das so vorstellen: Alle 9.000 Leute stehen in der Schlange und jeder will Essen. Und da geraten die dann aufeinander und es gibt dann plötzlich eine Massenschlägerei mit 400 Leuten. Es gab auch Alkoholkonsum, Drogenkonsum, Verkauf von Drogen und Alkohol. Das geriet teilweise außer Kontrolle und dann gab es auch Massenschlägereien. Ein anderer Ort, an dem es zu Konflikten kam, war der Arzt. Es gab immer eine sehr lange Schlange. Leute haben darauf gewartet, drangenommen zu werden. Und dann kam zum Beispiel jemand, der akut erkrankt war, Atemnot, Herzinfarkt oder kurz davor, also Sachen, die wirklich sehr lebensbedrohlich waren. Natürlich wollten die dann schneller drangenommen werden und da gerieten Menschen aufeinander. Securities und Mitarbeiter vor Ort sind einfach weggegangen, wenn sie mitbekommen haben, dass Menschen aneinandergeraten und eine Massenschlägerei droht. Sie haben die Büros geschlossen, der Arzt hat seine Praxis geschlossen und alle sind einfach weggegangen, weil sie Angst hatten. Und somit war dann plötzlich keiner mehr da vom Personal.

Wo haben Sie gelebt, nachdem Sie Moria verlassen haben?

Ich habe acht, neun Monate im Camp in Moria gelebt, danach wurde ich nach Athen verlegt. Dort blieb ich etwa ein Jahr und versuchte, die Weiterreise nach Deutschland zu organisieren. In Athen lebte ich in einem Camp, in dem es Container gab. Man lebte mit sechs Personen oder acht Personen oder bis zu vierzehn Personen zusammen, je nachdem, wie das Camp belegt war. Manchmal kamen viele Menschen, manchmal sind welche abrupt weggegangen. Bis auf den Unterschied, dass man in Containern statt in Zelten lebte, war die Situation ähnlich wie in Moria. Es gab sogar einen Fall, wo jemand umgebracht wurde. Da haben sich Menschen gestritten und sind die mit diesem Konflikt irgendwie vor der Tür des Mannes gelandet. Es waren Messer, Steine und all so gefährliche Gegenstände im Spiel. Er wollte seine Familie beschützen, er wollte seine sechs Kinder und seine Ehefrau beschützen, deshalb stand er vor seiner Tür. Und die Kinder standen hinter ihm. Und in dem Moment bekam er ein Messer in die Kehle und er starb dann vor Ort, vor seinen Kindern.

Wie haben Sie nach Ihrer Zeit in Athen Ihre Ankunft in Deutschland erlebt?

Es ist sehr schwierig, wenn man hier ankommt und niemanden hat. Man weiß nicht, wie das Ganze hier funktioniert, wo soll man hin, wen soll man fragen, wo kann man Informationen bekommen. Besonders wenn man nachts ankommt. Ich bin dann zu der Polizei gegangen, dort haben die meine Fingerabdrücke genommen und es ging dann weiter zu einem Camp namens Bad Fallingbostel. Im Camp Fallingbostel musste ich kurz beschreiben, wie ich nach Deutschland gekommen bin, die Frage war eher, ob ich mich in anderen EU-Länder aufgehalten habe. Nach 15 Tagen bekam ich einen Bescheid, dass ich mich in einem EU-Land aufgehalten habe, das war dann in dem Fall Griechenland und ich musste mich dazu dann äußern. Das heißt, es wurde ein Dublin-Verfahren eröffnet. Nach dem schriftlichen Bescheid musste ich vor Gericht und wurde darüber aufgeklärt, dass alle EU-Länder gleich seien, es überall die gleichen Rechte gebe. Da mein erster Asylantrag in Griechenland war, sei ich verpflichtet, da hin zurückzukehren. Es wurde mir auch vorgeschlagen, die griechische Sprache zu lernen, um mich dafür optimal vorbereiten. Warum ich nach Deutschland weitergereist war, war für die nicht nachvollziehbar. Der Richter meinte dann: «Sie können mich natürlich auch überzeugen, warum Sie nicht nach Griechenland zurück möchten oder wollen oder können.» Ich wurde intensiv dazu befragt, wie mein Leben in Griechenland war, als ich dort mich aufgehalten habe. Das Gespräch dauerte lange und ich habe berichtet, wie es mir dort ergangen ist.

Jetzt bin ich in einer Warteposition und dass ist mit vielen Ängsten, mit sehr viel Stress verbunden. Bei uns im Camp werden gelegentlich Menschen abgeholt von der Polizei und jedes Mal, wenn ich da Polizei sehe, habe ich massive Ängste. Weil dann denke ich: Was soll ich machen, wenn ich zurückkehren muss? Ich habe so viel Elend erlebt, so viel Stress und Angst und es war so schwer für mich, überhaupt nach Deutschland zu kommen. Was soll ich machen, wenn ich zurück muss? Das ist momentan mein Zustand. Ich habe sehr viel Angst vor der Abschiebung nach Griechenland. Das Dublin-Verfahren läuft immer noch. Es wurde noch keine Entscheidung getroffen. Ich warte ungefähr seit einem Jahr und vier Monaten.

Wo leben Sie jetzt und wie sind dort ihre Lebensbedingungen?

Von Bad Fallingbostel haben sie mich in ein Camp in Osnabrück transferiert. Von meinem Leben hier merke ich außer Stress, Ängsten, Alpträumen, Angst von der Polizei, Angst vor der Abschiebung nicht so wirklich etwas. Ich bin nur mit meinen Sorgen und Ängsten beschäftigt. Ich habe massive Alpträume, was das angeht, wo ich immer wieder denke: «Was, wenn ich in dieses Elend zurückkehren muss? Was, wenn die mich doch abholen und abschieben?» Alles andere spüre ich nicht wirklich, mich beschäftigt nur das. Alle, die hier im Camp leben, haben solche Ängste. Das heißt, alle haben ein Dublin-Verfahren und Angst, abgeschoben zu werden. Es befinden sich hier Menschen, die aus Griechenland, Italien, Österreich, und, und, und hier her gekommen sind. Unsere Tage und Nächte bestehen aus Angst, abgeschoben zu werden, von der Polizei abgeholt zu werden, Alpträumen, wahnsinnigen Ängsten. Jeder ist mit seinen Ängsten und Sorgen beschäftigt.

Wie laufen die Abschiebungen ab?

Das passiert ausschließlich in der Nacht, so ab 23 Uhr normalerweise. Da kommen bis zu 13 Polizeibeamte, auch wenn das nur drei Personen sind, die abgeschoben werden sollen. Dann stehen die da vor der Tür mit 13 Beamten und holen die Menschen ab. Und normalerweise ist es so, dass man gesagt bekommt: «Sie haben fünf Minuten Zeit, sich fertig zu machen, Ihre Sachen zu packen." Wenn man nicht kooperativ ist und nicht bereit ist, da mitzuwirken, dann bekommt man große Probleme mit denen. Dann werden die unangenehm. Manchmal versuchen Menschen zu fliehen. Sie springen aus dem Fenster und laufen über den Hof vor der Polizei weg. Ich habe gesehen, wie die dann von der Polizei gejagt werden. So eine Jagdaktion habe ich erlebt. Ich stand weiter weg und habe gesehen, wie die versuchen, wegzulaufen, zu fliehen. Es gibt Menschen hier, die durch die Situation mittlerweile krank geworden sind, viele Menschen leiden an Depressionen unterschiedlichster Form, psychischen Krankheiten, es gibt Suizidversuche. Ich kenne Fälle, die Wochen im Krankenhaus verbracht haben, um wieder stabilisiert zu werden nach dem Suizidversuch. Das passiert eher so bei jüngeren Menschen, die älteren ziehen sich zurück, leiden an Herzkrankheiten, Herzinfarkt, Herzversagen, und, und, und...

Wie ist die medizinische Versorgung in Osnabrück?

Die erste Information, die wir bekommen haben, war, dass nur sehr ernsthafte gesundheitliche Probleme behandelt werden, Herzinfarkt, lebensbedrohliche Sachen. Menschen wie ich zum Beispiel, ich sitze im Rollstuhl, gut, ich habe keinen Krebs, aber selbst notwendigste Untersuchungen werden nicht gemacht. Es gibt nur eine Notversorgung, Erkrankungen werden eher so still gestellt, damit man nicht massiv daran leidet, aber nicht behandelt. Menschen, die sehr krank sind, werden notdürftig behandelt, um sie aus der Lebensgefahr herauszuholen. Aber für eine richtige Behandlung muss man abwarten. Bevor man nicht Asyl beantragt hat und in die Folgeunterkunft transferiert wurde, wird man nicht behandelt, sondern es gibt nur eine notmedizinische Versorgung.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihr Leben ausgewirkt?

Die Lebenssituation ist sehr viel problematischer geworden durch Corona. Wir haben im Camp viele Menschen aus unterschiedlichsten Altersgruppen, Menschen, die potenziell gefährdet sind, das heißt ältere Menschen, Menschen mit verschiedenen Krankheiten, wie zum Beispiel Lungenversagen oder Krebs oder Menschen, die eben einfach alt sind oder Menschen mit massiven Allergien oder kleine Kinder. Die haben wahnsinnig Angst, krank zu werden. Zu den Ängsten, die es vor Corona schon gab, sind noch mehr Ängste hinzugekommen, so dass man sich außergewöhnlich verängstigt fühlt. Von einer Massenansteckung haben hier viele Angst. Was, wenn alle sich anstecken und alle werden eingesperrt in der Quarantäne? Wie wird das dann organisiert? Wie kommen wir an medizinische Versorgung ran, wie kommen wir in ein Krankenhaus? Wir kennen es sonst nur so, dass nur dringende Fälle medizinisch versorgt werden, was passiert dann mit den anderen in so einem Fall? Das sind Ängste, die wir haben.

Massenansteckung, Risikopatienten, Quarantäne und die Frage, wer im Falle einer Ansteckung überhaupt medizinische Versorgung bekommt. In den Zimmern leben nach wie vor vier bis fünf Personen, es gibt weder Desinfektionsmittel noch Seife in den Waschräumen. Das Virus hat außerdem dazu geführt, dass alle bürokratischen Verfahren viel länger dauern. Das Personal im Camp wurde stark reduziert, das führt zu vielen Problemen und wahnsinnigen Verzögerungen. Zum Beispiel dauert es bei der Ausländerbehörde wahnsinnig lange, bis man einen Termin bekommt. Dort ist mittlerweile sehr wenig Personal und das kommt nicht hinterher. Es dauert lange bis man einen Transfer bekommt, das Asylverfahren dauert jetzt auch wahnsinnig lang. Leute mit Dublin-Verfahren, bei denen früher innerhalb von sechs Monaten entschieden wurde, warten teilweise ein Jahr lang, aufgrund der Pandemie und weil wenig Personal da ist. In den ersten sechs Monaten, also zu Beginn der Pandemie, gab es einen Abschiebestopp. Aber nach sechs Monaten ging es weiter, bis heute. Die Abschiebungen gehen weiter.

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