Nachricht | Iran - Sozialökologischer Umbau - Klimagerechtigkeit Klimakrise im Iran

Schlechte Luft und Müllkrise

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Hamid Mohseni,

Versmogte, entsprechend undurchsichtige, Sicht auf Teheran von einem Aussichtspunkt.
Smogalarm in Teheran: Wegen der starken Luftverschmutzung müssen sogar die Schulen in der iranischen Hauptstadt immer wieder schließen. CC BY 4.0, Farsnews

Klimafragen sind im Iran wichtiger denn je. Insbesondere die Luftverschmutzung sowie eine desaströse Entsorgungswirtschaft machen Mensch und Natur zu schaffen.

Am 8. April dieses Jahres führte die Schweizer Luftqualitätstechnologiefirma IQAir Irans Hauptstadt Teheran als Stadt mit der weltweit höchsten Luftverschmutzung. Der Luftqualitätsindex lag bei einem Wert von 236 und wurde somit als «äußerst ungesund» eingestuft – kurz vor dem Katastrophenwert «gefährlich». Über die Stadt legte sich der Smog wie ein Nebel, der die Sichtbarkeit massiv einschränkte. Anfang Mai mussten erneut Schulen schließen, da die kommunale Verwaltung Teherans Kindern von Aktivitäten unter freiem Himmel abriet und empfahl, das Haus gar nicht erst zu verlassen. Solche Tage gibt es viele. Das Innenministerium bezifferte die jährlichen Todeszahlen durch Luftverschmutzung auf ca. 5000 – und nennt dies eine größere und langfristigere Gefahr als das Corona-Virus. Eine bemerkenswerte Aussage für ein Land, das mit am härtesten von der Pandemie betroffen war.

Seit Jahrzehnten gehen die Einwohner*innen urbaner Räume des Iran an bestimmten Tages- und Jahreszeiten nur noch mit Maske vor die Tür – andernfalls ist die Luft nicht zum Aushalten. Insbesondere Ältere und Menschen mit Atemwegsproblemen sind anfällig und belasten das ohnehin marode Gesundheitssystem durch massenhafte Krankenhauseinweisungen. Teheran ist mit seinen 8-12 Millionen Einwohner*innen der größte Ballungsraum und damit am stärksten betroffen. Aber auch die Einwohner*innen anderer Städte wie Isfahan, Ahvaz, Rascht, Hamadan und Täbris bekommen die schlechte Luft zu spüren. In der interaktiven Echtzeitkarte von IQ-Air bewegen sich drei Viertel des Iran meist in einem problematischen Bereich.

Hamid Mohseni ist im Iran geboren und in Deutschland aufgewachsen. Er studierte Germanistik und Philosophie und ist freier Autor. Seit 2009 verfolgt er die Entwicklungen im Iran und beteiligt sich an linken Solidaritätsinitiativen, die die demokratischen und sozialen Proteste im Iran kritisch begleiten.

Die Ursachen sind vielschichtig. Zum einen gibt es geographische Besonderheiten, die jede noch so ernst gemeinte Politik vor Herausforderungen stellt: Teheran beispielsweise ist umgeben von der Elburs-Gebirgskette, die das Abziehen schwerer, verschmutzter Luft erschwert. Der Iran insgesamt wird zunehmend von Dürren und Sandstürmen geplagt, was die Ansammlung von Staub in der Luft begünstigt. Dies nutzt die Regierung gerne, um externe Schuldige auszumachen: Aktuell zeigt sie mit dem Finger auf das türkische Dammprojekt «Southeastern Anatolia Project», welches dem Iran nicht nur die Wasserversorgung erschwere, sondern auch zu zusätzlichen Sandstürmen im Nordwesten des Landes führe. Die größten Luftverschmutzer sind allerdings jene, die eine konsequente Politik sehr wohl beeinflussen könnte: fossile Energieträger in der Industrie, viele und alte schwere Fahrzeuge (Busse, LKW etc.) mit schlechtem Treibstoff sowie ein enormer motorisierter Individualverkehr, der bei nicht zu vermeidenden Staus die Luft gefährlich belastet. Eine Weltbank-Studie von 2018 sieht darin 90 Prozent der gefährlichen Luftwerte Teherans begründet – und eine Besserung ist jenseits von Lippenbekenntnissen leider nicht in Sicht.

Türme aus Müll

Neben der schlechten Luft hat der Iran noch ein weiteres Problem, welches die Umwelt und damit Gesundheit und Lebensqualität der Menschen alarmierend belastet – der Abfall bzw. das schlechte Entsorgungsmanagement. Die Pro-Kopf-Abfallproduktion ist je nach Untersuchung global betrachtet überdurchschnittlich bis hoch. Mit über 700-750 Gramm täglicher pro Kopf-Abfallproduktion wäre der Iran im Vergleich mit der Europäischen Union einer der Spitzenreiter, im Vergleich aber mit anderen westasiatischen und afrikanischen Ländern mit ähnlichen Bedingungen aber nur im statistischen oberen Drittel.

Die Produktion von Müll ist allerdings nicht das Hauptproblem. Worin der Iran dringenden Nachholbedarf hat, ist die angemessene Abfallverarbeitung. Noch im Jahr 2016 gab die United Nations Industrial Development Organization (UNIDO) an, dass der Müll zu über 75 Prozent auf informellen Deponien entsorgt wird, wo er meist unkontrolliert verbrannt wird. Dazu fällt die Recycling-Quote vergleichsweise gering aus und beträgt nur 6-20 Prozent. Zum Vergleich: 2018 wurden in der EU im Schnitt knapp 40 Prozent des Mülls recycelt, beim Recycling-Spitzenreiter Deutschland beträgt die Rate sogar fast 70 Prozent. Diese mangelhafte Verarbeitung führt unter anderem zu ökonomischen Einbrüchen. Der Leiter der Entsorgungsverarbeitung im iranischen Umweltministerium schätzt die zusätzlichen Kosten aufgrund einer schlechten Entsorgungswirtschaft auf 1,7 Milliarden Dollar jährlich. Das ist eine relevante Summe für die angeschlagene Ökonomie der Islamischen Republik.

Solche qualitativen Unterschiede in der Entsorgungswirtschaft in den Griff zu bekommen, ist kein Unterfangen, das eine einzige Regierung mit Reformen und Umverteilung von heute auf morgen bewirken kann; eine funktionierende Entsorgung fußt zu einem Großteil auf den Beitrag der Bürger*innen. Es muss also innerhalb der Gesellschaft ein Bewusstsein für Umwelt geschaffen und eine Kultur der Nachhaltigkeit und des Recyclings gefördert werden. Das dauert ohnehin mehrere Generationen, ist aber in einem Land voller Krisen und existentieller Unsicherheiten wie dem Iran sicherlich noch schwerer zu vermitteln.

Dabei zeigt sich derzeit, dass es einen Zusammenhang zwischen dieser mangelhaften Entsorgung sowie dem unmittelbaren Wohlergehen der Menschen gibt. Ende April nahmen Tausende Menschen an Protesten in der nordiranischen Gilan-Provinz gegen die «Müllkrise» teil. Die Entsorgungswirtschaft ist hier zum Erliegen gekommen und der Ruf macht sich breit, dass der Nordiran – wichtigster Anlaufpunkt für Binnentourismus – die Mülldeponie des ganzen Landes wird. Anwohner*innen versammelten sich an unterschiedlichen Orten, an denen der Müll illegal entsorgt wird. In der Stadt Saravan fordern sie, dass eine inoffizielle Deponie beseitigt wird – sie ist teilweise auf 90 Meter Höhe angestiegen. Es wird beklagt, dass die Luft in einem weiten Radius wie vergiftet wirkt und dass die Zahl der Erkrankungen in der Gegend rapide steigt. Die örtlichen Behörden reagieren teilweise mit Tränengas, Knüppeln und Festnahmen. Kommunalpolitiker versprechen rasche Veränderungen – doch kaum ein*e Demonstrationsteilnehmer*in glaubt diesen Versprechen. Die letzte Reform auf nationaler Ebene liegt über 20 Jahre zurück. Daher bleiben die Menschen auf der Straße, denn, so drücken es die Protestierenden in Savaran aus: « Es ist nicht möglich, uns noch weiter zu demütigen.»