Publikation Geschichte - Parteien- / Bewegungsgeschichte - GK Geschichte Bericht: »Haut dem Springer auf die Finger«. Neue Soziale Bewegungen und ihre Medienpolitik

Im Workshop mit Gottfried Oy, Tagung "Vorwärts und alles vergessen" (Bremen 2004), kamen unterschiedliche Medienkonzepte zur Sprache, die seit den 1960er Jahren bis heute in Sozialen Bewegungen zu beobachten sind. Am Ende wurden Rückschlüsse für die Rolle von HistorikerInnen gezogen.

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Autor

Gottfried Oy,

Erschienen

November 2004

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Im Workshop mit Gottfried Oy, Tagung "Vorwärts und alles vergessen" (Bremen 2004), kamen unterschiedliche Medienkonzepte zur Sprache, die seit den 1960er Jahren bis heute in Sozialen Bewegungen zu beobachten sind. Am Ende wurden Rückschlüsse für die Rolle von HistorikerInnen gezogen.

 

== Grundsätzliches ==

Gottfried Oy versteht unter Gegenöffentlichkeit ein klassisches work-in-progress Konzept. Von daher sei eine Fixierung auf schriftliche Quellen gerade im Bereich Gegenöffentlichkeit und Alternative Medien fatal. Es habe immer große Differenzen zwischen den programmatischen medientheoretischen Texten und den jeweiligen Praxen gegeben. Deswegen sieht Oy die bisherigen wissenschaftlichen Herangehensweisen an Medienpolitik sozialer Bewegungen - auch seine eigene - durchaus kritisch.

Zur Theorie.

Laut Oy kann von einer kontinuierlichen Entwicklung alternativer Medien keine Rede sein. Es ließen sich jedoch drei idealtypische Formen - die seit den 1960er-Jahren nicht in zwangsläufig in historischer Abfolge, sondern durchaus auch parallel bis hin zu widerstreitend in einzelnen Projekten vorkamen und vorkommen - kritischer Theoreme von Öffentlichkeit, Medien und Demokratie und den mit ihnen korrespondierenden Praxisformen bestimmen:

1. Gegenöffentlichkeit als "Sorge um die Demokratie".

In Ermangelung einer demokratischen Öffentlichkeit und angesichts der vorherrschenden massenmedialen Öffentlichkeitsformen mit ihrem manipulativen Charakter will dieses politische Konzept der faktisch undemokratischen Ausgestaltung der vermachteten öffentlichen Räume eine demokratische bürgerliche Öffentlichkeit gegenüber stellen. Entsprechend wurde dieses Modell von Geert Lovink als "Megaphonmodell" bezeichnet: Die Verbreitung kritischer Informationen durch Einzelne soll bei der Mehrheit den Wunsch nach gesellschaftlichem Wandel wecken. Eingefordert wird, die ökonomische Macht der manipulierenden Medienkonzerne zurückzudrängen, um der freien Konkurrenz der Meinungen - und vor allem dem Austausch rationaler Argumente - wieder mehr Spielraum zu geben. Beispielhaft ist hier die Position des SDS in der Anti-Springer Kampagne 1967/68.

2. Betroffenenberichterstattung als Kritik an der Massendemokratie.

In der Tradition einer Kritik an der Massengesellschaft, steht ein zweite Modell, das authentische Kommunikation, die "eigentlichen" Bedürfnisse der Individuen in den Mittelpunkt stellen möchte. Den Informations- und Kommunikationsangeboten wird vorgeworfen, auf Grund ihrer anonymen und einseitigen Struktur einen realen Meinungs- und Wissensaustausch verhindern. Damit sei es den Individuen nicht mehr möglich, "wirkliche" Erfahrungen zu machen. Beispielhaft hier wiederum ist der Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (1973-1981).

3. Kommunikation als emanzipative Strategie.

Das dritte Modell ist ein Rückkanal- oder Interaktivitätsmodell. Von der sowjetischen Avantgarde in den 1920er-Jahren über Brecht und Benjamin bis zu den Netzwerktheorien der 1990er-Jahre zieht sich der Gedanke, nur ein grundlegender Wandel des Verhältnisses von Medienproduzenten und -rezipienten könne eine Umwälzung der Struktur der Medien und somit der Gesellschaft hervorbringen. Hier geht es um die Aufhebung der Trennung von Rezeption und Produktion und die Idee, gleichzeitig senden und empfangen zu können. Die Kritik an den Manipulateuren wandelt sich zur Hoffnung auf die Rezipienten. Beispielhaft hier ist etwa das Konzept Kommunikationsguerilla, wie es die autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe in den 1990er-Jahren proklamiert hat.

== Internet ==

Was sind neue, was alte Bestandteile im Internet? Es gibt zwei Richtungen linker Netznutzung: als virtuelles Äquivalent der Straße (Parallelraum) und als qualitativ neue, produktive und sich vernetzende soziale Praxis. Indymedia ist Beispiel für einen virtuellen Infostand. Mit der Open-Publishing-Philosophie wird das Internet als "authentischen" Sprachrohr sozialer und politischer Bewegungen genutzt ("Ich war dabei-Berichterstattung"). Eine Besonderheit von Indymedia sei, dass die Produktion von Gegenöffentlichkeit als Bestandteil direkter Aktionen gedacht wird. Der Work-in-Progress-Charakter stehe im Vordergrund (z. B. gemeinsam Theorie entwickeln). Indymedia sei demnach vom biederen Gegenöffentlichkeitsprojekt durch die kreative Auseinandersetzung mit dem Medium zu einem Entwicklungslabor für neue Aktionsformen geworden, die sich nicht mehr in der Analogie zum Straßenprotest bewegten.


Seine ursprüngliche Auffassung, dass sich Grundzüge von Kommunikation lediglich wiederholten, will Oy heute relativieren: es gibt neue Formen, aber die Nutzer User seien so sozialisiert, dass sie die Möglichkeiten flacher Hierarchien nicht nutzen.

== Diskussion ==

Die Diskussion lenkte noch einmal den Blick auf den Bereich Medien als Orte der Selbstorganisation (Lenins Zeitung als "kollektiver Organisator"). Geht im Internet-Zeitalter das Moment von Organisierung verloren zu Gunsten einer authentischen Selbstdarstellung? Dazu wurde eingewandt, dass Organisation in dieser weltweiten Dimension noch gar nicht vorhanden war. Ein anderer Aspekt ist, dass seit den 1990er Jahren eine Zunahme von Zeitungsprojekten zu beobachten sei, in denen sich jüngere Leute um Zeitschriften gruppieren, aber sich zu organisieren dabei eine untergeordnete Rolle spielt (Wagenburgmentalität: es entstehen Parallelwelten). Auseinandersetzung mit Mainstreammedien habe dabei auch selbststilisierende mobilisierende Wirkung.

Es wurde die Frage aufgeworfen, ob es im Internetzeitalter noch unterdrückte Informationen gäbe. Dies wurde schnell bejaht: Solange man sie nicht findet oder diese in den Massenmedien nicht auftauchen. Zuletzt streifte die Diskussion das Grundproblem, dass emanzipative Momente vom Mainstream aufgegriffen, verdreht werden und an Sprengkraft verlieren. (z. B. der Hype von Authenzitität in den Massenmedien).
Folgerungen.

== Rückschlüsse ==

Ausgehend von der Frage, was HistorikerInnen zur Entwicklung einer entsprechenden Medienkompetenz beitragen könnten, wurden folgende Aspekte angesprochen:

1. Da einfaches "Aufarbeiten", "Der-Bewegung-zur-Verfügung-Stellen" oder "Nahelegen" nicht funktioniert, bleibe nur übrig konkrete soziale Projekte zu organisieren, in denen Erfahrungen und Wissen eingebracht werden. Die Notwendigkeit von Kooperation vor Ort - trotz Globalisierung - wurde betont.

2. Es gehe auch darum, den Blick wieder auf ökonomische Strukturen zu richten (Stichworte: Monopolisierung und Vergesellschaftung kommerzieller Massenmedien).

3. Notwendig sei ein Denken jenseits der einfachen Trennung von Anpassung/Integration vs. Widerstand/Gegenöffentlichkeit. (Bsp.: taz, die sich bewusst entschied wo sie hin will, während sich gleichzeitig die sie tragende Bewegung verändert und man mit marktwirtschaftlichen Zwängen konfrontiert ist. Gleichzeitig sei die Existenz und Akzeptanz der taz eines partiellen Erfolges (lebensweltlich, kulturell aber nicht antikapitalistisch), und Legalisierung vorher ausgeschlossener Meinung; ähnlicher Vorgänge waren bei der innovativen Oral History Methode zu beobachten).

4. Es gehe darum, historische Periodisierungen zu liefern, um historische Lernprozesse zu verstehen.

5. Wichtig bleibe Gesellschaftskritik. Geschichte wäre hier ein interessantes Genre: Vermittlung von Erfahrung und Theorie durch konkrete Beispiele.

6. Theoriezeitschriften sollten sich Diskussionen mit anderen Zeitschriften öffnen und generell Gruppierungen ins Gespräch bringen. Ein zentralistisches Bild ist nicht mehr möglich geschweige denn wünschenswert (Problem: es wird nur Geschichtsarbeit gemacht für die eigene Bewegung).

7. Ein einigendes Band: HistorikerInnen, die bewegungsorieniert Links sind, und die Fragestellungen historisch kontextualisieren wollen.