Publikation Gesellschaftstheorie - Kultur / Medien - Geschichte Keynesians: Don’t look back in anger.

Text der Woche 42/2004

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Oktober 2004

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Die Verleihung des diesjährigen „Wirtschaftsnobelpreises“ an zwei Anti-Keynesianer“, Finn Kydland und Edward Prescott, ist eine noble Geste. Mehr nicht. 

Der “Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaft zum Gedenken an Alfred Nobel” wurde in diesem Jahr mit gebührendem Abstand zu den Auszeichnungen der anderen Disziplinen verliehen. Darin kommt zum Ausdruck, dass die nachträglich eingeführte Kategorie einer Preisverleihung in den Wirtschaftswissenschaften ursprünglich nicht vom Stifter Alfred Nobel vorgesehen war.

In der Tat existiert ein bedeutender Unterschied zwischen den Wirtschaftswissenschaften und Disziplinen wie Medizin, Physik und Chemie, von den unterschiedlichen Geschmäckern für Literatur und Frieden einmal abgesehen. Spötter meinen, die Ökonomie befände sich noch im vorparadigmatischen Zeitalter, d.h. im Unterschied zu etwa vielen Naturwissenschaften fehle der „scientific community“ eine gemeinsame Forschungsgrundlage und es herrsche stattdessen  der immerwährende Krieg konkurrierender Schulen. In den Worten Harald Mattfeldts, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik: „In der Medizin gibt es neben den bereits bekannten auch neu entdeckte Krankheiten. In dieser Wissenschaft sind außerdem Fortschritte bei der Diagnose und Therapie gut erkennbar. Dies ist in der Ökonomie anders. Ihre ‚Krankheiten’ und Mängel sind stets dieselben (Arbeitslosigkeit, Inflation, mangelndes Wachstum, Außenhandelsdefizite, Währungsturbulenzen, zunehmend Ungleichheit der Verteilung etc.). Von daher wird es nicht verwundern, dass in der Wirtschaftstheorie und -politik immer wieder die gleichen Schlachten geschlagen werden. Dies wundert nicht, ist doch, in den Worten eines anderen Ökonomie-Professors von der gleichen Institution, Herbert Schui, „Wirtschaft der Gegenstandsbereich von Interessen. Daher sollte man sich keine Illusionen darüber machen, dass nicht auch die Wirtschaftswissenschaften Gegenstand von Interessen sind.“ Daher bleibt die Verleihung des „Wirtschaftsnobelpreises“ auf lange Sicht eine heikle Angelegenheit. In dem Maße wie sie die Einen freut ärgert sie die Anderen.

Keynesianer, also jene Ökonomen die das Problem entwickelter Marktwirtschaften in der Realisierung einer angemessenen Nachfrage sehen und für die Lohnverzicht und Marktgläubigkeit kein Glücksversprechen sind, sollten dieses Jahr, da der Preis an zwei Anti-Keynesianer ging, dennoch nicht enttäuscht sein. Es ist vielmehr ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit, wenn auch der Einfluss der Angebotstheoretiker auf die Wirtschaftspolitik zu Beginn des 21. Jahrhunderts sicherlich höher ist als der seit Mitte der 1970er Jahre zu einer Randgruppe stigmatisierten (Post-)Keynesianer, von Neo-Marxisten erst gar nicht zu sprechen.

So befand sich unter den bedeutenderen Preisverleihungen der Vergangenheit im Jahre 2001 die Würdigung der neu-keynesianischen Arbeiten von George A. Akerlof, Michael Spence und Joseph E. Stiglitz, welche versuchten den (moderaten) Nachweis des Marktversagens aufgrund asymmetrischer Information (insbesondere auf den Finanzmärkten) zu erbringen. Der Preisträger des Jahres 1999, Robert A. Mundell, wenn auch in der Literatur für die Wirkungslosigkeit von Staatsausgaben in flexiblen Währungsregimen vereinnahmt, spricht sich für eine Fusion der bedeutenden Währungsräume aus und teilt damit die Abneigung vieler Nachfragetheoretiker gegenüber frei schwankenden Wechselkursen. Robert M. Solow, der 1987 für seine wachstumstheoretischen Arbeiten gewürdigt wurde, wird zwar der Neoklassik zugerechnet, der eher mechanischen aber wissenschaftlich häufig redlicheren Variante des Marktvertrauens, betont aber mittlerweile, dass die deutsche Ökonomenzunft „auf einem Auge blind sei“, da sie mögliche Nachfrageprobleme vernachlässige.

Allen Preisträgern gemeinsam ist, dass sie häufig für Arbeiten gewürdigt werden, deren Veröffentlichung bereits über die Jahrzehnte zuvor erfolgt ist. Dies gilt auch für Kydland und Prescott, die auf eine 30-jährige gemeinsame Forschungstätigkeit zurückblicken (Prescott war Doktorvater von Kydland). Die frohe Botschaft für den gegenwärtigen Anti-Mainstream, die Arbeiten der beiden diesjährigen Preisträger,  gelten in der Praxis als längst überholt, es liesse sich fast von einer posthumen Würdigung sprechen.

Kydland und Prescott erklären in ihren Arbeiten Konjunkturschwankungen zum Ergebnis unerwarteter technologischer Veränderungen und der Anpassungsreaktionen von Firmen und Individuen (real business cycles). Eine aktive Konjunkturpolitik sei daher schädlich. Der Versuch von Regierungen über konjunkturelle Impulse bzw. höhere Inflation die Arbeitslosigkeit zu senken und somit durch Preissteigerungen die Reallöhne zu senken, sei zum Scheitern verurteilt, da die Arbeitnehmer soviel Rationalität besäßen, die Manöver ihrer Regierungen vorauszusehen und die steigenden Preise vorweg in höheren Lohnforderungen zu kompensieren. Dies führe zu einer inflationären Falle ohne reale Beschäftigungseffekte. Die beiden Ökonomen sind daher Anhänger stark unabhängiger Notenbanken, die nicht den Versuchungen der Politiker unterlägen und befürworten strenge Geldmengenziele. Eine der wenigen Zentralbanken die aus Glaubwürdigkeitsgründen diese Konzeption offiziell verfolgte war die Deutsche Bundesbank, interessanterweise hat sie davon aber selten Gebrauch gemacht und wird daher zumeist als ein Erfolgsbeispiel erfolgreicher Geldwertstabilität ohne festes Geldmengenziel angeführt. Die Europäische Zentralbank verfolgt offiziell zwei diametrale Konzeptionen (Geldmengenziel und Ausrichtung an makroökonomischen Fundamentals) und befindet sich vornehm ausgedrückt noch in einem Klärungsprozess. Die US-Federal Reserve liess sich zur Stabilisierung ihrer labilen Finanzmärkte von den Theorien Kydlands und Prescotts erst gar nicht beeindrucken und intervenierte heftig mit Zinssenkungen nach dem dot.com-Crash. Jedoch wurde in den USA vorwiegend von Aktienbesitz in andere Formen der Vermögensanlage (Immobilien etc.) umgeschichtet und solange sich die EZB im Währungswettbewerb nicht kooperativ verhält und ihrer Verantwortung für die Weltwirtschaft gerecht wird, lasten auf der wirtschaftlichen Entwicklung noch hohe Risiken.    

Die real business cycle -Theorien gelten auch aufgrund ihrer unrealistischen Annahmen hinsichtlich unendlich flexibler Löhne und Preise als überholt. Die Mühen von Kydland und Prescott waren vor allem auf eine ständige Anpassung der Modelle an immer kompliziertere Voraussetzungen gerichtet, um das gewünschte Ergebnis zu verkünden. Ihre Begeisterung für den Stabilitätspakt und seine starre Begrenzung der Neuverschuldung wird in Europa kaum noch geteilt. Der ehemalige EU-Kommissionspräsident und römische Wirtschaftsprofessor Romano Prodi bezeichnete den Pakt unlängst als „dumm“. Es ist nämlich keinesfalls gesagt dass ein solcher Pakt nicht weiter vom Ziel der Schuldenbegrenzung entfernt, da Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaftstätigkeit in konjunkturellen Schwächephasen erst bei Eintritt in eine Rezession erlaubt sind und somit erst mit erheblichen Zeitverzögerungen (time-lags) greifen können. Dies untergräbt die Möglichkeit, dem Einbruch der Staatseinnahmen durch Ausgabenprogramme entgegenzuwirken. Es wird bereits diskutiert, ob nicht im Sinne des antizyklischen Postulats von Keynes viel eher Zielvereinbarungen zur Bildung fiskalischer Puffer in Boomphasen notwendig wären. Natürlich steht hinter dem Stabilitätspakt etwas anderes, nämlich die Begrenzung der Staatstätigkeit und damit der Vorrang privater Betätigung auf dem Markt.

Es ist weder meine Absicht, zuviel Optimismus über eine kommende Rationalität im politischen Geschäft, etwa der Renaissance keynesianischer Wirtschaftssteuerung,  zu verbreiten, noch die Arbeiten der aktuellen Nobelpreisträger zu diskreditieren. Mr. Kydland, Mr. Prescott, Sie wissen ja, es ist dieser ewige Krieg.