Publikation Ungleichheit / Soziale Kämpfe - International / Transnational - Krieg / Frieden - Amerika - Anden - Brasilien / Cono Sur - Mexiko / Mittelamerika / Kuba - Positiver Frieden Gewalt als Methode: Die Krise regieren

Der Krieg hat sich auf alle Gesellschaftsbereiche ausgedehnt. Von Daniel Inclán, Mexiko.

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Autor

Daniel Inclán,

Erschienen

Mai 2019

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«Warum leben wir im Paradies? Portrait einer Nahua-Gemeinde und ihr Kampf für das Leben»
Dieses Foto ist Teil der Ausstellung, die auch im Rahmen des Kongresses gezeigt wird. Der Titel der Ausstellung lautet «Warum leben wir im Paradies? Portrait einer Nahua-Gemeinde und ihr Kampf für das Leben». Mit Fotos von Heriberto Paredes. Selbstbewaffnung im Kampf gegen organisiertes Verbrechen, Staat und Bergbauunternehmen. Santa María de Ostula, Mexiko., © Heriberto Paredes

Wir leben in Zeiten des Krieges. Die Bezeichnung der Gegenwart als allgemeiner Kriegszustand ist keine bloße Metapher. Es bedeutet nicht, den Krieg als Gegensatz zur Freiheit oder als Gegensatz zur Stabilität zu betrachten. Heute verschwimmen diese Grenzen in Anbetracht der Gewaltkonjunktur, der Legalisierung des Ausnahmezustands, der zunehmenden Straflosigkeit und der Ungerechtigkeit. Seit Jahren lässt sich nicht mehr zwischen Momenten des Friedens und des Krieges unterscheiden. Denn der Krieg ist mutiert und hat sich auf alle Gesellschaftsbereiche ausgedehnt. Der Krieg ist nicht mehr nur ein Prozess, in dem Berufsarmeen oder semiprofessionelle bewaffnete Gruppen um die Vorherrschaft über ein Territorium oder eine Bevölkerung kämpfen. Der Krieg, dem wir beiwohnen, ist ein Mechanismus, um wirtschaftlichen Gewinn in den Händen einiger weniger zu konzentrieren. Es ist ein Prozess, der die Machtverhältnisse der Klassen festschreiben und die ungleiche Verteilung sozialer Güter sicherstellen soll. Wir leben in einer Welt, die keinen materiellen Wohlstand für alle bietet. Die wenigen Nutznießer sind nicht Willens ihre Privilegien aufzugeben, selbst wenn dies bedeutet, dass die Lebensbedingungen von Millionen Menschen weltweit stetig prekärer werden.

Lateinamerika erlebt einen Krieg, der nicht enden wird. Ziel dieses Krieges ist grenzenloser Wachstum. Dabei bedient er sich verschiedener Ausdrucksformen und Akteure und bringt entsprechend der Geographien und sozialen Kräfte, die unter Kontrolle gebracht werden sollen, besondere Auswirkungen und spezifische Rhythmen hervor. Der Krieg bestimmt den Alltag, das neue Modell sozialen Zusammenlebens. Er ist kein Medium, sondern Selbstzweck. Das Leben muss sich zwischen gezielten Tötungen, zerstörten Territorien und prekären sozialen Räumen reproduzieren. Es werden Mechanismen entwickelt, die das Überleben sichern und den Alltag inmitten eines Lebens mit tausenden Toten, tausenden Verschwundenen und tausenden Vertriebenen ermöglichen.

Der Krieg produziert eine übergreifende Gewalt. Unter Gewalt wird hier ein Prozess verstanden, bei dem mit Hilfe einer Kraft oder zusammenwirkender Kräfte (physischer, symbolischer, kognitiver oder emotionaler Art) die Durchsetzung eines Zustandes oder einer zuvor nicht existenten Differenz verfolgt wird. Jede Form der Gewalt erzeugt mit Kraft ihre eigene Daseinsberechtigung und moralischen und kognitiven Verständnisprozesse, die zerbrechlich, begrenzt oder widersprüchlich sein mögen, aber für eine reale oder vorgestellte Personengruppe Gültigkeit besitzen. Es gibt keine irrationalen Formen von Gewalt, jede Gewalt erzwingt ihre eigene Berechtigung. Gewalt bringt Differenz hervor und erzeugt somit Gemeinschaften, in denen sie Konzepte eigener Identität sowie Konzepte des Anderen etabliert (ein «Wir» und ein «Sie»). Sie zieht zeitliche und räumliche Grenzen und setzt somit Integrations- und Exklusionslogiken fest.

Aus den stürmischen Säften, dort
wo Reste von Aufruhr
und bittere Tränen sich kreuzen,
kommt
dieser pochende Schmerz, diese zerfetzte
Erinnerung.
Noch immer verlieren
Die Mütter den Verstand in meinen Adern.

Antonio Gamoneda — «Arden las pérdidas». In Esta Luz. Kiel: Verlag Ludwig, 2007 [Übersetzung Manfred Bös und Petra Strien-Bourmer] S.166

Die Analyse der Gewalt darf sich weder allein dem maßlosen Gebrauch von Kraft über Körper und Gegenstände widmen noch darf sie nur die perversen Organisationsformen ihrer Praxis betrachten. Eine Kritik der Gewalt muss ihren strikten politischen Charakter anerkennen, der Subjekte und für Gewalt empfängliche Existenzen konstruiert. Diesem Zweck dienen Praktiken, deren Sinn und Funktion sich erst erfassen lassen, wenn sie vor dem Hintergrund einer politischen Agenda, in die sie eingeschrieben sind, in der entsprechende Machtverhältnisse wirken und in der ein bestimmtes Wirklichkeitskonzept Rechtfertigung bietet, betrachtet werden. Die politische Agenda ist heutzutage der allgemeine soziale Krieg.

Krise und Krieg

Warum breiten sich Krieg und Gewalt wie neue Gesellschaftsformen in Lateinamerika aus? Ist es nicht unlogisch, dass sich eine zerstörerische Logik zu einem Augenblick ausbreitet, in dem die Wirtschaft eigentlich nach Dynamik verlangt? Steht die Verbreitung des Krieges als politische Denkweise nicht im Widerspruch zum internationalen «demokratischen» Projekt? Die Verbreitung der Gewalt stellt heute, wie niemals zuvor, das Auftreten institutioneller Formen, den autoritären Charakter aller demokratischer Staaten und die Instabilität moderner politischer Praktiken in Frage.

Zuerst ist es notwendig anzuerkennen, dass die Entwicklung des Kapitalismus in Lateinamerika, wie auch im Rest der Welt, nicht allein als Notwendigkeit im strikten ökonomischen Sinne verstanden werden darf und dass staatliche Politik kein Raum der Kontrolle möglichen Missbrauchs durch das Wirtschaftssystem ist. Der Kapitalismus ist nicht nur eine Art und Weise, Gewinne in den Händen einiger weniger zu akkumulieren, er ist auch Schauplatz der Produktion und Konzentration von Macht.

Die Kapitalisten der ganzen Welt müssen der Tatsache ins Gesicht sehen, dass die kapitalistische Zivilisation in der Krise steckt. Diese Krise manifestiert sich nicht allein in der fallenden Tendenz der Wachstumsraten, die einen Punkt ohne Wiederkehr erreicht hat: Die ökologische Katastrophe. Die Zivilisationskrise hat auch ein politisches und ein soziales Gesicht. Aus politischer Sicht ist der Staat nicht mehr in der Lage, Hegemonie herzustellen, weshalb er auf Formen unverschleierter Herrschaft zurückgreift. Aus sozialer Sicht manifestiert sich die Krise in der Unfähigkeit des Zusammenlebens, gemeinsame Probleme werden mit individuellen Lösungen beantwortet: Private Auswege aus kollektiven Problemen.

Die Krise kann ihre Lösung nicht in derselben Denkweise, aus der sie hervorgegangen ist, finden; die einzige Alternative ist, sie zu lenken und durch sie hindurch zu manövrieren. Die große Krise versucht sich mit Hilfe eines neuen Paradigmas zu stabilisieren: Dem des Krieges. Der Krieg bestimmt die Richtung des politischen und wirtschaftlichen Systems; er hat sich als Regierungsform etabliert und schafft Grauzonen, in denen die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft verschwimmen. Gleichzeitig gestaltet er Alltagspraktiken und definiert die Umweltwahrnehmung (durch Phantasien der Angst und der Unsicherheit), er bringt Wünsche hervor (strukturiert unter der Logik unersättlichen Konsums), er schafft die Bedingungen zeitlicher und räumlicher Reproduktion des Daseins (die Annahme bildend, das Leben vieler sei entbehrlich, um die Stabilität weniger zu sichern). Der Krieg zivilisiert, er definiert das Richtig und Falsch sozialer Praktiken. Aber nicht nur, er dient auch als Regierungsmodell, wenn er die Verhältnisse zwischen Macht und Gehorsam definiert.

In Lateinamerika produziert der Krieg einen Zustand der Bedrohung: Die Bedrohung als Gefahr und die Bedrohung als Zwang. Gemeinsam mit der Bedrohung etabliert sich Schockstarre: Grenzenlose Lähmung und Verwunderung. Der Krieg betäubt die Gesellschaft, während gleichzeitig angekündigt wird, dass es keine Schranken gibt. Es wird immer schwieriger, Distanz zu wahren. Ständig ereignen sich neue Begebenheiten, die aufzeigen, dass der Tiefpunkt dieses Krieges noch nicht erreicht ist. Dies manifestiert sich in grausamsten Machtdemonstrationen wie Morden und Verschleppungen.

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, der Krieg sei ein Zustand, der die Daseinsbedingungen bestimmt. Der Krieg in Lateinamerika ist ein Krieg gegen Lebensentwürfe, die sich der Vereinnahmung durch kommerzielle Produktionsprozesse verwehren. Um dies zu ermöglichen, war ein Wandel der Machtstrukturen und der staatlichen Institutionen notwendig. Der Krieg produziert Grauzonen, in denen sich Prozesse entfalten, die vielfältige Verwerfungen mit sich bringen (legale Wirtschaftsformen neben illegalen Wirtschaftsformen). Aber dort hört es nicht auf, die Entfaltung der Institutionen generiert Formen, die zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten pendeln. Es sind weder Regierungen noch kriminelle Gruppen, die einen abgeschirmten Krieg führen. Es sind die neuen institutionellen Formen, in denen unter symbiotischen Bedingungen private und öffentliche, legale und illegale Akteure koexistieren. Es ist keine Niederlage des Staates gegenüber privaten Interessen oder dem Einfall krimineller Mächte, es ist ein Wandel der Machtverhältnisse. Ein Wandel in vielfältige Richtungen: Staatliche Akteure, die für private Unternehmen arbeiten; private Akteure, die in öffentlichen Institutionen arbeiten; oder die Verbindungen öffentlicher Bediensteter mit verbrecherischen Organisationen.

Es ist notwendig, diese Verschiebung im Kopf zu haben, um über den Sinn des aktuellen Krieges nachzudenken, um zu verstehen, warum kriminelle und parastaatliche Akteure Gewalt dort am heftigsten ausüben, wo die größten Kapitalinvestitionen liegen; warum dort, wo die «Verbrecher» regieren, große transnationale Unternehmen riesige Geschäfte machen. Damit in Konfliktregionen mehrere wirtschaftliche Projekte nebeneinander existieren können, bedarf es eines Prozesses sozialer Kontrolle, der die Verteilung der Möglichkeiten mehr oder weniger beständig zwischen den verschiedenen in Gang gesetzten Geschäften absichert. Diese Aufgabe übernimmt die allgemeine Gewalt. Sie sichert fünf zentrale Prozesse, die die Bahnen des gesellschaftlichen Lebens in Lateinamerika bestimmen: Der permanente Ausnahmezustand, die selektive Tötung von Bevölkerungsgruppen, die zunehmende Vertreibung marginalisierter Gemeinschaften, die steigende Ausbeutung der Arbeitskraft und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Der Kongress «Geographien der Gewalt. Macht und Gegenmacht in Lateinamerika» bietet einen Raum für einen kritischen Dialog über die gegenwärtigen Tendenzen und Strategien der Abgrenzung, Ausbeutung und Herrschaft und neue, kreative Formen des Widerstands. Die Veranstalter interessieren insbesondere die weltweiten Zusammenhänge der Gewalt, wie auch ihre räumliche Differenzierung.
Der Kongress findet vom 13. bis 15. Juni 2019 in Frankfurt am Main statt. Zurzeit ist keine Anmeldung mehr möglich. Erfahrungsgemäß wird es jedoch zu Absagen kommen und Plätze wieder frei werden. Erfahrt über Facebook und Twitter, falls noch Plätze frei werden.

Der Autor dieses Textes Daniel Iclán nimmt als Referent bei dem Kongress teil.

Gewalt, Grausamkeit und Regierung

Ohne Gewalt wäre der Aufbau eines so «gewaltigen» und «erfolgreichen» Kapitalismus, wie des lateinamerikanischen, unmöglich. Sein Erfolg misst sich an den akkumulierten Reichtümern in einigen wenigen Händen, die Jahr für Jahr wachsen. Auf der anderen Seite verweisen die steigenden ausländischen Investitionen in strategischen Sparten (unter anderen Bergbau, Ölförderung und Finanzwesen) auf die Bedeutung der Region als Reserve grundlegender Güter für die Reproduktion des Systems.

Die wachsende Zahl der Multimilliardäre ist kein Ergebnis erfolgreicher Arbeit. Sie wäre ohne die Symbiose zwischen Gewalt und Wirtschaft unmöglich. Dieser gewalttätige Pakt konzentriert nicht nur Reichtümer, er schafft auch Zustände der Straflosigkeit und Ungerechtigkeit. Die unternehmerische Seilschaft setzt die Logik der Gewalt durch, um die Bedingungen für eine ungleiche Verteilung der Reichtümer sowie die Bedingungen der Reproduktion des Lebens zu festigen.

In Lateinamerika wurde ein Pakt für das Nebeneinander nationaler und internationaler, legaler und illegaler Wirtschaftskräfte geschaffen; sie alle sind kriminell, nur dass – je nach Perspektive – einige unter dem Schirm der Institutionen und andere außerhalb agieren. Damit dieser Pakt funktioniert, wird mit Hilfe von Gewalt regiert. Die Gewalt verwandelt sich in politische Kultur und in eine Dynamik des täglichen Zusammenlebens, die entsprechend den geographischen Gegebenheiten, den Traditionen, den gesammelten sozialen Kräften und den umkämpften Interessen unterschiedlich ausprägt ist. Um durch Gewalt zu regieren, bedarf es einer Gesellschaft, die sich nach diesem Modell reproduziert. Die Ausbreitung der Gewalt verschleiert das eigentliche Ziel: Die Kontrolle über Territorien.

In Lateinamerika steht man nicht nur einer Allianz auf Regierungsebene oder im Bereich der Reproduktion des Kapitals im großen Stil gegenüber; das Problem ist auch ein soziales, alltägliches. Die Gewalt kommt nicht nur von oben. Es bedarf einer Kultur, um die Konstruktion einer Kriegsdynamik zu garantieren, die alltäglich gelebt wird und die – paradoxerweise – die «normale» Reproduktion des Lebens gestattet. Um dies zu ermöglichen, bedurfte es strukturellen Veränderungen des sozialen Lebens. Auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene war dies die Unterordnung unter das Diktat des Weltmarktes; auf sozialer und kultureller Ebene war es die Integration in eine individualistische Dynamik, private Lebenslosungen unter den Rubriken Kompetenz und Flexibilität, um Zutritt zum Universum der Güter zu erlangen (die lokale Märkte überfluteten und die Fiktion weltweiter Integration durch Konsum erschufen).

Es gibt einen subtilen Wandel, der auf einer langen Tradition physischer Gewalt und dem allgemeinen Machismo aufbaut: Die Ausweitung der Grausamkeit als Form sozialer Interaktion. Die Gewalt in Lateinamerika ist nicht nur Resultat struktureller Transformationen, die die wirtschaftlichen und politischen Bahnen bestimmen, es gibt alltägliche Praktiken, die dies ermöglichen. Die Gewalt hat eine Wurzel im Alltag. Gewalt verlangt nach einer sozialen Bereitschaft, sie auszuüben, sie ist keine Erzählung, die wie Äther fließt, sich wie ein Virus einimpft oder einzig aus dem System hervorgeht. Die grausamen Formen des Zusammenlebens stehen mit anderen Prozessen im Einklang und in gegenseitiger Wechselwirkung. Einer dieser Prozesse ist der Vorstoß des sozialen Autoritarismus, der von der sozialen Basis aus, Kräfteverhältnisse als Gesellschaftsform verfestigt und auf Grundlage der Logik von Vorurteilen, unwiderruflichen Modellen und Dichotomien, die die Welt in Gut und Böse einteilen, operiert. Ein weiterer ist der Machismo, der sich mal subtil manifestiert und mal seine Absichten bloßlegt, wenn er sich an Körpern abarbeitet und seine Macht demonstriert.

Die soziale Gewalt in Lateinamerika radikalisiert die Mechanismen der Grausamkeit durch die Verwaltung kollektiver Kräfte unter dem Wettkampfprinzip «Alle-gegen-Alle». Das Alltagsleben reduziert sich auf einen Prozess, in dem die Mechanismen des Konsums und der Ausbeutung wetteifern, als seien sie autonome Entscheidungen. Die Möglichkeiten, sich eine alternative Lebensweise oder einen anderen Daseinszweck vorzustellen, werden ausgelöscht und als Ideen freien und grenzenlosen Konsums verkleidet.

Von dort an steigt tendenziell die Letalität sozialer Gewalt. Die Wege, das System zu überkommen, werden versperrt, denn der Hass und die Unzufriedenheit vermögen es nicht mehr, sich gegen das System zu richten, sie verbleiben im alltäglichen Leben und verwandeln es in einen Kriegsschauplatz. Die soziale Gewalt im Kapitalismus bildet ein sichtbares und unsichtbares Netz aus Kämpfen, die jeder gegen jeden austrägt, anstatt jeder gegen das System.

All das wäre unmöglich, wären die Bedingungen der Reproduktion des Lebens nicht prekär. Das Problem ist nicht nur ökonomisch. Nicht die Armut bringt sozialen Autoritarismus und Gewalt hervor. Die Prekarität des Lebens produziert vor allen Dingen ein Sinnvakuum. Das prekarisierte Leben ist nicht nur jenes, welches sich unter Bedingungen materieller Entbehrung entwickelt, es ist auch jenes, welches keine Möglichkeiten bietet, individuelle und kollektive Lebenszwecke zu konstruieren, es ist jenes, welches der Definitionsmöglichkeiten seiner Richtung und seiner Form beraubt wurde. Deshalb ist die Gewalt nicht nur die Angelegenheit der Armen, obwohl sie in diesen Gesellschaftsbereichen die tödlichsten Formen annimmt. Die Gewalt ist in alle Gesellschaftsbereiche zerstreut.

Die Grausamkeit verbreitet sich durch pädagogische Praktiken und durch Kommunikationsmittel, für die nicht nur die Kultur- und Bildungsindustrie verantwortlich sind. Auch die Gewaltformen selbst produzieren vor dem Hintergrund des Krieges ihre eigene Pädagogik, die zur Konstruktion sozialer Bedeutungen von Ausdrücken der Grausamkeit beitragen. Das Leben erlangt Bedeutung durch Diskurse der Grausamkeit, die wie Legitimationen der Gewalt und Reproduktionsmechanismen des Gemeinsinns wirken. Mit Hilfe dieser Diskurse wird versucht, die Auswirkungen des Kriegs mit möglichst einfachen und übertragbaren Sätzen zu erklären: «Irgendwas wird er schon gemacht haben», «Warum geht er auch Nachts raus?», «Warum muss sie einen Rock anziehen», «sie sind halt Indios», «das kommt davon, wen man sich nicht bildet».

Die Gewalt in Lateinamerika vollstreckt sich über Territorien, Körper und Wörter. Die Formen der Gewalt dienen als die drei Säulen kapitalistischer Macht: Gender, Rasse und Klasse. Gelegentlich überschneiden sie sich, aber jede hat eine eigene Dimension. Sexistische Gewalt, rassistische Gewalt und die Gewalt der Ausbeutung konstruieren Differenz, Subjekte und Semantiken. In jedem Fall gibt es Werkzeuge und Prozesse die archaische Praktiken mit neuen Aktivitäten vermischen, um eine künstliche Struktur zu sichern, in der die Prinzipien der sozialen Orthopädie definiert werden.

 
Daniel Iclán hat an der Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) Geschichte studiert und in Lateinamerikastudien promoviert. Er ist assoziierter Forscher an der Lateinamerikanischen Beobachtungsstelle für Geopolitik des Instituts für Wirtschaftsforschung der UNAM in Mexiko Stadt und gibt Master- und Promotionskurse im Rahmen des Postgraduations-Programmes für Lateinamerikastudien derselben Universität.

Übersetzung: Sven Kirschlager