Publikation Geschichte - Parteien- / Bewegungsgeschichte - Asien - Palästina / Israel - Naher Osten Die KP Palästinas in der Zwischenkriegszeit

Internationalismus versus Nationalismus – ein Überblick

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Erschienen

August 2019

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Eine Demonstration der KP Palästinas im Jahr 1945

Die heutige Kommunistische Partei Israels gibt als Gründungsmonat den März 1919 an.[1] Ihre Ursprünge liegen jedoch in der jüdischen Arbeiterbewegung Osteuropas am Beginn des 20. Jahrhunderts und sind untrennbar mit zwei Entwicklungslinien der internationalen Arbeiterbewegung verbunden: mit der jüdischen Arbeiterbewegung in Sowjetrussland in den Jahren unmittelbar nach der Oktoberrevolution sowie mit den Beziehungen zwischen Kommunisten und sozialistischen Zionisten im Kontext der Entstehung der Kommunistischen Internationale. Beide Aspekte müssen in die Analyse der komplizierten und widersprüchlichen geschichtlichen Prozesse einbezogen werden, die zur Herausbildung der kommunistischen Partei in Palästina führten und ihre Politik prägten, die natürlich zunehmend vom arabisch-jüdischen Gegensatz im britischen Mandatsgebiet Palästina überlagert wurde.

Linkszionismus und Kommunismus

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert war es zur allgemeinen Überzeugung der Sozialisten geworden, die in absehbarer Zukunft möglich scheinende Transformation der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft werde auch die sozialen Barrieren niederreißen können, die Juden und Nichtjuden noch voneinander trennten. Der von der kapitalistischen Gesellschaft in Westeuropa in Gang gesetzte Assimilationsprozess der Juden an die nichtjüdische Umwelt werde im Sozialismus eine neue Qualität erreichen und Teil eines generellen Verschmelzungsprozesses der Nationen sein. Diese Auffassung teilten auch viele der westlich gebildeten Angehörigen der jüdischen Intelligenzija in Osteuropa. Als Gegner des antisemitischen Zarenregimes sahen sie die Integration der Juden in die Arbeiterbewegung als Voraussetzung wie als Bestandteil einer erfolgreichen revolutionären Politik. Der 1897 gegründete Allgemeine Jüdische Arbeiterbund von Russland, Polen und Litauen hielt dem entgegen, dass die kulturelle Eigenart der Juden in Osteuropa keine Assimilation zulasse, zumal der Antisemitismus unter allen Klassen der Nichtjuden, auch unter den Arbeitern, ein ernsthaftes Hindernis der Integration darstelle. Auch sei nicht einzusehen, warum die Juden ihre nationalen Charakteristika für ein abstraktes Ideal, das von nichtjüdischen Sozialisten nicht einmal präzise definiert werden könne, eintauschen sollten. Ein seiner Nationalität bewusster Jude könne wie jeder andere für den Sozialismus kämpfen.

Den sozialistischen Befürwortern wie Gegnern eines Assimilationskonzeptes für die Juden in Osteuropa war jedoch die Auffassung gemein, dass eine jüdische Emigration zwar rechtlich möglich sein müsse, jedoch den Kampf um soziale Emanzipation der Juden in Osteuropa nicht ersetzen könne.

Die zionistische Auffassung zur Lösung der jüdischen Frage kam zu gänzlich anderen Schlussfolgerungen. Als politische Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, war der Zionismus eine Reaktion auf die nationalistischen und zumeist stark antisemitischen Bewegungen in Mittel- und Osteuropa, die historisch legitimierte Ansprüche auf bestimmte Territorien reklamierten. Die sich durchsetzende Konzeption im Zionismus sah die Zukunft der Juden in Palästina. Die frühen zionistischen Ideologen und Politiker entstammten dem mitteleuropäischen Bürgertum. Seine Massenbasis fand der Zionismus jedoch unter den zweifach, national und sozial, unterdrückten jüdischen Proletariern im Russischen Reich einschließlich Kongresspolens und in Rumänien.

Der Zionismus war vor dem Ersten Weltkrieg und noch in der Zwischenkriegszeit allerdings eine starke Minderheitenströmung im osteuropäischen Judentum. Seine mobilisierende Kraft erreichte er durch eine Verbindung zionistischer und sozialistischer Ideen: dem Ziel eines sozialistischen Judenstaates in Palästina, dessen wichtigster Theoretiker, der früh verstorbene Ber Borochow, auch 1905 in Russland die Partei Poale Zion (Arbeiter Zions) ins Leben rief. Sie gründete verwandte Organisationen in Österreich, Rumänien, England und anderen Ländern, die sich 1907 zum Weltverband Poale Zion zusammenschlossen.

Die russische Oktoberrevolution 1917 warf die Frage auf, ob eine sozialistische Revolution die jüdische Frage – die  Überwindung des Antisemitismus und die gleichberechtigte Teilhabe von Juden an der Gesellschaft – in Osteuropa lösen könne. Im Bürgerkrieg nutzten die „weißen“ Armeen den Antisemitismus oft als Waffe im Kampf gegen die bolschewistische Regierung. In dieser verzweifelten Lage sahen viele Juden in der Roten Armee die einzige Hoffnung. Zwar waren auch deren Soldaten für antijüdische Pogrome verantwortlich, doch in wesentlich geringerem Maße als die Weißen. Deshalb schloss sich ein größer werdender Teil der Juden während des Bürgerkrieges schließlich den Bolschewiki an. Diese Entwicklungen hatten weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung des jüdischen Sozialismus wie auf die Geschichte der Komintern.

Oktoberrevolution und Bürgerkrieg führten zur ideologischen Trennung der sozialistisch-zionistischen Parteien, unter denen die Poale Zion die weitaus wichtigste war, vom „bürgerlichen“ Zionismus. Es kam zur Spaltung der poalezionistischen Bewegung inner- wie außerhalb Russlands. Auch in Palästina spaltete sich die poalezionistische Bewegung. Die probolschewistische Minderheit schloss sich im März 1919 mit dort bereits lebenden Linkszionisten zu einer neuen Gruppierung zusammen: zur Partei der sozialistischen Arbeiter (Mifleget Poalim Sozialistiim; MPS)[2]  Auf einem Kongress im Oktober des gleichen Jahres bekundete sie ihre Bereitschaft, sich der Komintern anzuschließen und für die Errichtung eines sozialistisch-kommunistischen Judenstaates in Palästina zu kämpfen.

Doch die Komintern sah im Zionismus nur das Geschöpf des jüdischen Kleinbürgertums und desorientierter Intellektueller. Sie kritisierte die zionistische Auffassung, wonach Palästina ein unterbevölkertes Land sei, das auf die jüdische Einwanderung – sozusagen – nur gewartet habe, und sie sah blutige Konflikte zwischen Juden und Arabern voraus. Die Komintern  charakterisierte den Zionismus als Werkzeug des britischen Imperialismus und bezeichnete auch den linken Flügel des Zionismus als eine antikommunistische Bewegung unter sozialistischem oder sogar kommunistischem Deckmantel.

Die Poalezionisten sahen jedoch die negative Einschätzung des Zionismus durch die Komintern als einen nur zeitweiligen Fehler, der schnell behoben würde, sollten die poalezionistischen Arbeiter die Reihen der internationalen kommunistischen Armeen in Osteuropa und im Nahen Osten stärken. Im Juli und August 1920 spaltete sich auf dem Weltkongress des Allweltlichen Jüdischen Sozialistischen Arbeiterverbandes Poale Zion ein beträchtlicher Teil vom bisherigen Verband ab und gründete die Linke Poale Zion (Poalei Zion Semol) mit der Absicht, sich als übernationale Jüdische Sektion der Komintern anzuschließen. Deren palästinensischer Zweig, die MPS, sah sich als Kernbestand des Linken Weltverbandes und drängte die Komintern auf Verhandlungen, an deren Ende ein Beitritt als Landessektion Palästina stehen sollte, die aber auch die Interessen jüdischer Arbeiter in den Ländern der Diaspora wahrzunehmen beanspruchte.

Nach längeren Verhandlungen, deren Höhepunkt eine kontroverse Debatte auf dem II. Weltkongress der Komintern 1920 war, wies die Komintern im Juni 1922 diesen und weitere Vorschläge zurück. Sie akzeptierte lediglich individuelle Aufnahmegesuche früherer Poalezionisten in die kommunistischen Parteien ihrer Länder. Die Neumitglieder mussten mit dem Zionismus in allen, auch sozialistischen Formen gebrochen haben.[3]

Die KP Palästinas bis zum ersten Bürgerkrieg 1929

Die MPS in Palästina nahm nun den Namen Palästinensische Kommunistische Partei (Miflagah ha-Komunistit ha-Palestinaiit, PKP) an. Sie zählte rund 450 Mitglieder. Nach dem Verbot ihrer Tätigkeit durch die britischen Behörden musste sie schon seit 1921 unter den Bedingungen der Illegalität arbeiten.[4] Im September 1922 spaltete sich unter Führung von Joseph Berger eine radikale Minderheit ab und konstituierte sich als Kommunistische Partei Palästinas (KPP). Sie griff die PKP heftig wegen deren angeblich versöhnlerischer Haltung gegenüber dem sozialistischen Zionismus an. Im Februar 1923 wurden die Mitglieder beider Parteien aus der Histadruth ausgeschlossen. Dies brachte sie einander erneut näher. Im Juni 1923 akzeptierte die PKP-Mehrheit die radikale Haltung des Kreises um Berger, und die beiden Parteien vereinigten sich. Die wiedervereinigte Partei nannte sich in Jiddisch (der Sprache der Diaspora) Palestinishe Komunistishe Partei (PKP). Sie wurde am 8. März 1924 in die Komintern aufgenommen.

Die Partei verabschiedete ein Programm, dessen einer Verfasser Joseph Berger war und das mit dem Zionismus in jeder Form brach und die arabische Nationalbewegung als einen „Eckpfeiler im Kampfe gegen den britischen Imperialismus“ bezeichnete.[5] Wolf Averbach (als Sekretär), Berger (als sein Stellvertreter), Moische Kuperman und Nahum Lestschinski bildeten das Zentralkomitee.

Im März 1924 wurde Berger nach Moskau entsandt, um die erfolgreichen Aufnahmeverhandlungen der Partei mit der Komintern zu führen. Im gleichen Jahr half er zusammen mit seinem palästinensischen Genossen Ya’akov Tepper eine libanesische Sektion zu gründen, aus der die Libanesische Kommunistische Partei entstand.[6] Im Auftrag der PKP reiste er auch nach Ägypten, Syrien und Transjordanien, während der Parteisekretär Wolf Averbach die Führer des syrischen Aufstandes gegen die französische Kolonialherrschaft 1925/27 traf.[7]  Im Dezember 1924 fuhr Berger wiederum nach Moskau, um vor dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) zu berichten.

Die Partei verurteilte die Inbesitznahme arabischen Bodens, akzeptierte jedoch den Jischuw, die jüdische Gemeinschaft in Palästina, sah deren Wachstum als gegeben an und bemühte sich deshalb um politischen Einfluss auf die jüdische Bevölkerung. Sie sprach sich klar für die Unabhängigkeit Palästinas aus und rief zum einheitlichen Handeln jüdischer und arabischer Werktätiger in den Tageskämpfen auf. Sie suchte, „Juden zu einer radikalen Wendung gegen den Zionismus zu bewegen und gleichzeitig den Arabern klarzumachen, dass fortschrittliche Juden zu ihren Verbündeten statt Feinden werden könnten.“[8]

Die Komintern sah die Hauptaufgabe der ausschließlich aus Juden bestehenden Partei in der Gewinnung arabischer Mitglieder. Diese Orientierung wurde bald als „Arabisierung“ bezeichnet. Joseph Berger als Verbindungsmann zwischen dem EKKI und der palästinensischen Partei erhielt ein ums andere Mal die Anweisung, dass nunmehr „im Mittelpunkt der Arbeit der PKP die arabischen werktätigen Massen stehen müssen.“ [9]

Im Frühjahr 1929 wurde Berger erneut nach Moskau bestellt. Dort hatte er am 5. März auch ein fünfstündiges Gespräch mit Stalin. Berger wurde beauftragt, die Verbindungen zum Arabischen Exekutivkomitee und zu anderen nationalistischen Organisationen zu verstärken. Im August 1929 kehrte er nach Palästina zurück, um die Leitung der Partei zu übernehmen, da sich Averbach in Moskau aufhielt.

Genau zu dieser Zeit suchten die moslemischen Behörden in Palästina die britische Mandatsverwaltung zu bewegen, ihnen die Rechte über die (von den Juden so genannte) Klagemauer zu garantieren.[10] Die Zionisten und insbesondere die rechtsgerichteten Revisionisten forderten ihrerseits eine vollständige Kontrolle über die Mauer, um ein ungehindertes Gebet für Juden zu garantieren. Am 23. August 1929 starteten nationalistische Araber unter dem Einfluss des Muftis von Jerusalem, Hadj Amin al-Husseini, in Reaktion auf Provokationen rechter Zionisten Angriffe gegen Juden, die sich zum ersten Bürgerkrieg in Palästina ausweiteten. Doch waren die Ziele arabischer Angriffe hauptsächlich Nichtzionisten, nämlich Angehörige der seit Hunderten von Jahren im Lande siedelnden orientalisch-jüdischen Gemeinschaften. Nach einer Woche brachten britische Truppen die Lage unter Kontrolle. 133 Juden und 116 Araber waren ermordet worden. Die meisten Araber wurden von der britischen Militärpolizei getötet, einige von der Haganah, der jüdischen Schutztruppe.[11]Der Selbstverteidigungstruppe der kommunistischen Partei, der Boyivka, gelang es unter Moische Kupermans Leitung, Berger und den tschechischen Komintern-Funktionär Bohumír Šmeral vor arabischen Angriffen in Sicherheit zu bringen.[12]

Am Vorabend der Unruhen hatte die Partei ein in pazifistischem Ton gehaltenes Flugblatt verbreitet.[13]   Für die Partei bezeichnete Joseph Berger in einer ersten Stellungnahme die bewaffneten Auseinandersetzungen als „Bürgerkrieg“ und diesen als Ergebnis des Kolonialismus. Großbritannien habe aus Furcht vor der Einheit arabischer und jüdischer Arbeiter rassistischen Hass geschürt, um die Gemeinschaften zu entzweien und sich dabei der Hilfe arabischer Effendis und zionistischer Führer bedient.[14] Ein offizielles Kommuniqué der Partei, das hauptsächlich Berger verfasst hatte, unterstrich diese Position. Es sah die Ursache der Unruhen im Protest der ausgebeuteten und enteigneten arabischen werktätigen Massen gegen die sich verschlimmernden Lebensbedingungen, wobei es der britischen Kolonialverwaltung gelungen sei, die ursprünglich radikal antikoloniale Bewegung in ein antijüdisches Pogrom zu verwandeln. Reaktionäre jüdische wie arabische Führer hätten jeweils ihren Teil dazu beigetragen, den religiösen Konflikt zu schüren, indem sie die Klagemauer in ein Symbol des Machtkampfes verwandelten.[15]

Auf Geheiß Moskaus hatte Berger jedoch diese Einschätzung zu revidieren: Eine Resolution des EKKI vom Oktober 1929 charakterisierte die Kämpfe als eine arabische antiimperialistische Erhebung gegen Großbritannien und die Zionisten und forderte für die „revolutionären arabischen Werktätigen“, ungeachtet ihrer nationalistischen und religiösen Slogans wie ihrer Unterordnung unter die gewalttätige antijüdische Politik des Muftis von Jerusalem, die unbedingte Unterstützung der Partei. Das EKKI interpretierte die Zusammenstöße als „Verschärfung des Kampfes zwischen dem Imperialismus und den werktätigen Massen der Kolonialländer“, wie es 1928 der VI. Komintern-Kongress vorausgesagt habe. Die EKKI-Resolution unterstrich: „Ungeachtet dessen also, dass die Aufstandsbewegung somit durch eine anglo-zionistische Provokation hervorgerufen war, auf die die arabischen Reaktionäre (die Feudalen und die Geistlichkeit) mit einem Pogrom zu antworten versuchten, ungeachtet dessen, dass sie sich in ihrem Anfangsstadium unter einer reaktionären Führung befand, war sie eine nationale Befreiungsbewegung, eine antiimperialistische, allarabische Bewegung und in ihrer sozialen Zusammensetzung – eine Bauernbewegung.“ Die Resolution kritisierte, die Parteiführung habe sich vom Aufstand überraschen lassen und das revolutionäre Potenzial der arabischen Massen unterschätzt. Als Ursache dieser Fehler sah sie das Unvermögen der Parteiführung, arabische Kader zu gewinnen, die imstande seien, die Führung der PKP zu übernehmen.[16]

Berger schrieb die Unruhen der Weigerung der Histadruth zu, arabische Mitglieder aufzunehmen. Dies habe dazu geführt, dass die Unzufriedenen sich unter die Führung der „verräterischen feudal-bourgeoisen Führer begaben und deren Bündnis mit dem Imperialismus verstärken halfen“.[17] Ausländische Beobachter beobachteten jedoch „nicht unerhebliche Fortschritte“ der „bolschewistischen Propaganda“ unter arabischen Arbeitern.[18]

Die britische Mandatsverwaltung unterdrückte den Aufstand und inszenierte bei dieser Gelegenheit eine Verfolgungswelle: Mehrere hundert KP-Mitglieder wurden aus Palästina ausgewiesen. Sie gingen zumeist in die Sowjetunion, wo nicht wenige von ihnen Opfer der stalinistischen Repressalien wurden.[19]

 

Das gescheiterte Modell einer binationalen Partei

Die dezimierte Partei suchte sich zu reorganisieren: Das im Dezember 1930 gewählte ZK bestand aus drei Arabern, darunter dem kurzzeitigen Parteisekretär Nadjati Sidqi, und zwei Juden. Im Oktober 1933 brach ein neuer arabischer Aufstand aus, der teilweise unter antiimperialistischen und nicht mehr nur rein antijüdischen Losungen geführt, von der Mandatsmacht aber wiederum rasch niedergeschlagen wurde.[20]

Die Briten kamen dem arabischen Nationalismus nun insoweit entgegen, als sie ihre Politik der bisherigen Bevorzugung des Zionismus sukzessive aufgaben. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als die Verfolgung der Juden durch das Hitler-Regime bereits eingesetzt hatte und immer stärkere Ausmaße annahm. Die Partei rief unter ihrem neuen Sekretär Radwan al-Hilu (Mussa) zur Unterstützung der arabischen Nationalbewegung auf. Auf dem VII. Weltkongress der Komintern 1935 erklärte der palästinensische Delegierte, die jüdischen Werktätigen seien „davon zu überzeugen, dass ihre nationalen und Klasseninteressen mit dem siegreichen Ausgang der nationalen Befreiungsbewegung der arabischen Massen verbunden sind.“[21]

Die Parteiführung unterstützte in diesem Sinn den im April 1936 ausbrechenden neuen arabischen Aufstand. In dieser bislang größten Revolte gelang es dem Mufti und seinen Anhängern, einen beträchtlichen Teil der Araber im Kampf gegen die „jüdischen Ungläubigen“ zu mobilisieren. Die britische Kolonialmacht wurde als lediglich zweitrangiger Gegner gesehen, mit dem eine Verständigung möglich schien. Die bedeutend stärker antikolonial orientierte Istiqlal-(Unabhängigkeits-)Partei verlor die Initiative. Die Rechnung der Mufti-Anhänger ging zunächst nicht auf, denn Großbritannien plante zum ersten Mal, das Land zu teilen, wobei jedoch nur ein schmaler Küstensaum dem geplanten jüdischen Siedlungsgebiet zugestanden wurde. Im Mai 1939 nahmen die Briten nach anhaltendem arabischem Widerstand diesen Teilungsplan zurück und schlossen zudem Palästina für jüdische Einwanderer fast vollständig. Die Komintern sah im arabischen Aufstand, der noch bis 1939 andauerte, zunächst die antikolonialen Elemente überwiegen und wies die Partei an, diese zu unterstützen.

Doch stieß dies auf den Widerstand eines Teils der Kommunisten. Sie betonten einerseits, die Judenverfolgung in Deutschland habe eine neue Lage für die Juden geschaffen, deren Einwanderung nach Palästina nun zu unterstützen sei. Andererseits könne die arabische Nationalführung, die sich zunehmend mit Mussolini und Hitler verband, kein Partner für Kommunisten sein. Die KP-Führung beschloss Anfang 1937, eine Jüdische Sektion innerhalb der KP zu bilden. Obgleich dieser nicht alle jüdischen Parteimitglieder beitraten, zeigte sich, dass gemeinsame Aktionen arabischer und jüdischer Kommunisten unter den spezifischen Bedingungen Palästinas zunehmend unmöglich wurden. Seit 1938, insbesondere seit der Pogromnacht in Deutschland, wurde die Haltung der Komintern gegenüber der arabischen Führung dann kritischer. Dennoch löste die KP ihre Jüdische Sektion Ende 1939 auf.

Die KP stand kurz vor dem Auseinanderfallen, als die Komintern auf eine Unterstützung ihrer neuen Linie nach dem Hitler-Stalin-Pakt drang. Ein Teil der jüdischen Kommunisten bildete im August 1940 eine Plattform, die die Autorität der Parteiführung in Frage stellte.[22]

Die Verbindungen zur Komintern waren mit Kriegsbeginn abgebrochen. Die aus Protest gegen die Moskauer Prozesse 1936-38 gebildete trotzkistische Revolutionäre Kommunistische Liga (Berit ha-Kommunistim ha-Mahapchanim) erhielt einen, wenngleich bescheidenen, Zulauf.[23]

Fast zeitgleich mit der Auflösung der Komintern spaltete sich im Mai 1943 die KP Palästinas entlang der ethnischen Zusammensetzung. Der Teil, der von jüdischen Kommunisten getragen wurde, vereinigte sich nach der Staatsgründung Israels 1948 mit einem Teil der arabischen Kommunisten zur KP Israels. Arabische Mitglieder, die diesen Schritt nicht gingen, konstituierten die Kommunistische Partei Jordaniens. Ungeachtet aller Probleme aber bleibt die Tatsache bestehen, dass die KP Palästinas in der Zwischenkriegszeit die einzige Organisation im Lande war, in der Juden und Araber politisch zusammenarbeiteten.

Prof. Dr. Mario Keßler, geb. 1955 in Jena, arbeitet am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Er lehrt an der Universität Potsdam und nahm Gastprofessuren an der Yeshiva University in New York und weiteren Universitäten wahr. Keßler ist Mitglied der Historischen Kommission der Partei DIE LINKE.


[1] zur Geschichte der KP Palästinas (deren Einzelheiten im Folgenden nicht jedes Mal belegt werden) Hen-Tov, Jacob: Communism and Zionism in Palestine. The Comintern and the Political Unrest in the 1920’s, Cambridge (Massachusetts): Schenkman, 1974; Offenberg, Mario: Kommunismus in Palästina. Nation und Klasse in der antikolonialen Revolution, Meisenheim: Hain, 1974; Greilsammer, Alain: Les communistes israeliens, Paris: FNSP, 1978; Budeiri, Musa: The Palestine Communist Party, 1919-1948. Arab and Jew in the Struggle for Internationalism, London: Ithaca Press, 1979; Bashear, Suliman: Communism in the Arab East, 1918-1928, London: Ithaca Press, 1980; Flores, Alexander: Nationalismus und Sozialismus im arabischen Osten. Kommunistische Partei und arabische Nationalbewegung in Palästina 1919-1948, Münster: Periferia, 1980; Keßler, Mario: Die Kommunistische Internationale und der arabische Osten (1919-1929), Phil. Diss., Leipzig 1982; Rubenstein, Sondra Miller: The Communist Movement in Palestine and Israel, 1919-1984, London/Boulder (Colorado): Westview Press, 1986; Gozanski, Tamar/Angelika Timm (Hrsg.): Bead ha-neged!: ha-miflagah ha-kkomunisttit ha-Yisreelit 1919-2009 [Wider den Strom! Die Kommunistische Partei Israels, 1919-2009], Tel Aviv: Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2009. Die wichtigste Quellensammlung liegt nur auf Hebräisch vor: Zehavi, Le’on (Hrsg.): Lehud o be-yahad. Yehudim ve ’Aravim be-Falestinah, al pi mismakhe ha-Komintern, 1919-1943 [Getrennt oder gemeinsam. Juden und Araber in Palästina nach Komintern-Dokumenten, 1919-1943], Jerusalem: Keter, 2005.

[2] Zeitweise nannte sie sich Partei der jüdischen sozialistischen Arbeiter (MPSI, Mifleget Poalim Sozialistiim Ivriim).

[3] Vgl. hierzu vom Verfasser: Die Komintern und die Poale Zion 1919-1922: Eine gescheiterte Synthese von Kommunismus und Zionismus, in: „Arbeit–Bewegung–Geschichte“, Jg. 16 (2017), Nr. 2, S. 15-30.

[4] Zum Vorwand wurde eine angebliche kommunistische Agitation bei den Feiern zum 1. Mai 1921 genommen, in deren Folge es zu begrenzten arabischen Angriffen auf jüdische Demonstranten kam. Erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 konnten Kommunisten in Palästina wieder legal arbeiten.

[5] Die deutsche Übersetzung des Programms findet sich in: „Internationale Pressekorrespondenz“ (im Folgenden: Inprekorr), Nr. 136, 22. August 1923, S.1187f.

[6] Die libanesischen Kommunisten bestanden auf einer selbstständigen, von der Palästinensischen KP unabhängigen Organisation. Vgl. Couland, Jacques: Le mouvement syndical au Liban 1919-1946, Paris: Editions sociales 1970, S. 101-103.

[7]So Joseph Berger gegenüber der israelischen Tageszeitung „Yedioth Aharonot“ am 15. März 1965, nach Budeiri: Palestine Communist Party, S. 9.

[8] Greenstein, Ran: Class, Nation, and Political Organization: The Anti-Zionist Left in Israel/Palestine, in: „International Labor and Working-Class History“, Nr. 75 (2009), S. 88.

[9] Resolution des EKKI zum Bericht der Palästinensischen Kommunistischen Partei vom 26. Juni 1926, in: Zehavi (Hrsg.): Lehud o be-yahad, S. 83f. (Übersetzung: Eleanor Yadin).

[10] Die Klagemauer, ein Teil des früheren Zweiten Jerusalemer Tempels, bildet als jüdische Kultstätte zugleich einen Teil der Umfassungsmauer der moslemischen Al-Aqsa-Moschee.

[11] Vgl. zu den August-Unruhen von 1929 u.a. Porath, Yehoshua: The Palestinian-Arab Nation al Movement, 1918-1929, London: Frank Cass 1974; Hen-Tov: Communism, S. 119-129; Keßler, Mario: Die Augustereignisse 1929, die Komintern und die KP Palästinas, in: „asien-afrika-lateinamerika“, Jg. 19 (1991), Nr. 3, S. 517-529.

[12] Vgl. Berger, Joseph: La rupture avec les communistes, in: „Les nouveaux cahiers“, Nr. 13-14 (1968), S. 37. Vgl. auch Smeral, B. [Bohumír Šmeral]: Mehr Aufmerksamkeit den Ereignissen in Palästina und in den arabischen Ländern!, in: „Inprekorr“, Nr. 103, 5. November 1929, S. 2439f.

[13] Vgl. Budeiri: Palestine Communist Party, S. 61, der auf das hebräische Flugblatt mit dem Titel „Verwandelt nicht die Klagemauer in eine Mauer das Hasses“ Bezug nimmt.

[14] Vgl. B. J. [Joseph Berger]: Das Blutbad im „Heiligen Land“, in: „Inprekorr“, Nr. 86, 6. September 1929, S. 2092f.

[15] Vgl. Der Aufstand in Palästina, in: ebd., Nr. 90, 20. September 1929, S. 2167-2169, und Nr. 91, 24. September 1929, S. 2185-2187.

[16] Resolution des Politsekretariats des EKKI zur Aufstandsbewegung in Arabistan. Angenommen in der Sitzung vom 16. Oktober 1929, in: ebd., Nr. 11, 31. Januar 1930, S. 258.

[17] B., J. [Yosef Berger]: The Class Character of the Palestine Rising, Part One, in: „Labour Monthly“, Jg. 12 (1930), Nr. 3, S. 159, zit. nach: Kelemen, Paul: British Communists and the Palestine Conflict, 1929-1948, in: „Holy Land Studies: a Multi-Disciplinary Journal“, Jg. 5 (2006), Nr. 2, S. 135.

[18] Bericht des Konsulats in Jerusalem an das Bundeskanzleramt, Wien, 11. Dezember 1929, Österreichisches Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien, Neues Politisches Archiv, NPA 630, Bl. 279.

[19] Aus dem ersten ZK der KP Palästinas überlebte nur Joseph Berger den stalinistischen Terror. Vgl. Shipwreck of a Generation. The Memoirs of Joseph Berger, London: Harvill Press, 1971. Averbach, Lestschinski und Kupermann wurden ermordet oder starben im Lager.

[20] Zu den arabischen Aufständen von 1933 und 1936-39 vgl. Porath, Yehoshua: The Palestinian-Arab National Movement. From Riots to Rebellion, 1929-1939, London: Frank Cass 1977.

[21] Rede von Hadjar (Pseudonym von Muhammed Ashkar) zum Bericht des Genossen Dimitroff, in: „Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung“, 6. November 1935, S. 2510.

[22] Sie nannte sich Ha-Emeth (Die Wahrheit).

[23] Ihr gehörten u. a. Ygael Glickstein (der sich dann in England Tony Cliff nannte), Gabriel Baer (ein später bekannter israelischer Orientalist) und Jakob Moneta (künftig in Deutschland als Gewerkschafter aktiv) an.