1. Juni 2017 Diskussion/Vortrag Multiple Krisen als Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse

Information

Veranstaltungsort

TU Dresden, Willersbau
WIL/C107/U
Zellescher Weg 12-14
01069 Dresden

Zeit

01.06.2017, 18:30 - 20:30 Uhr

Themenbereiche

Ungleichheit / Soziale Kämpfe

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Mit Prof. Christoph Görg (Uni Klagenfurt)

Eine gemeinsame Vortrags- und Diskussionsreihe des Referates politische Bildung (StuRa der TU Dresden) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen
Obwohl ‚Grenzen des Wachstums‘ schon seit den frühen 1970er Jahren debattiert werden und inzwischen eine Reihe von Umweltmaßnahmen ergriffen wurden, spitzen sich ökologische Probleme immer stärker zu. Vor allem internationale Umweltabkommen können die selbstgesteckten Ziele immer weniger erreichen, wie nicht nur in den internationalen Weltklimakonferenzen, sondern auch im Abkommen zur Biodiversität seit Jahren zu beobachten. So sind etwa die globalen CO2 Emissionen weiter angestiegen, obwohl im Kyoto Protokoll 1997 ihre Reduktion beschlossen wurde; ähnliche Entwicklungen gibt es auch im Hinblick auf den Verlust der Biodiversität. Immer stärker drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass dies mit dem destruktiven Charakter der kapitalistischen Produktionsweise und den damit verbunden Lebens- und Konsumweisen insgesamt zu tun hat und wir es mit einer tiefgreifenden Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse zu tun haben.
Der Vortrag soll die Ursachen und Erscheinungsformen dieser umfassenden Krise aufzeigen und vor allem den Zusammenhang mit anderen Krisentendenzen (Finanz-, Wirtschafts- und politische Krisen) des globalen Kapitalismus nachgehen. Ausgehend von Marx‘ Begriff der ‚gesellschaftlichen Naturverhältnisse‘ werden die Bedeutung der material-stofflichen Bedingungen für die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt wie auch die besonderen Bedingungen kapitalistischer Naturverhältnisse (im Unterschied zu anderen historischen Gesellschaftsformationen) beleuchtet. Vor diesem Hintergrund wird dann der Frage nachgegangen, wie sich der Stoffwechsel mit der Natur in den verschiedenen Phasen kapitalistischer Entwicklung entfaltet hat und wie sich die Zuspitzung der sozial-ökologischen Krisendynamik heute erklären lässt. Abschließend wird die Frage aufgeworfen, welche Alternativen zur „imperialen Lebensweise“ (Brand/Wissen) heute diskutiert werden und wie diese einzuschätzen sind.
 
Zur Reihe:
In der Weltwirtschaftskrise 2007/2009 konstatierte selbst der gesellschaftstheoretische Mainstream eine grundlegende Krise des Kapitalismus. Neue Krisenausprägungen sind hinzugekommen, alte haben sich verschärft. Die damit eng zusammenhängende wachsende politische Polarisierung und der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen geben Anlass, Ursachen und Wesen der Gesellschaftskrise zu hinterfragen. Dabei bedarf auch die Krise der Kritik selbst, das Fehlen eines Aufschreis kritischer Intellektueller und eines wirksamen Streitens um kulturelle Hegemonie, der Aufarbeitung. Warum fehlen in der Parteienlandschaft wie in den Gewerkschaften bei allem wachsenden Krisenbewusstsein Positionen, die eine dezidiert linke Kritik am gesellschaftlichen Status Quo verbalisieren? Warum bleibt die Kritik in aktuellen sozialen Bewegungen oft oberflächlich und begriffslos? Wie lassen sich verschiedene Krisenausprägungen auf adäquate Begriffe bringen? Wo kann eine der gegenwärtigen Krise entsprechende Neubestimmung der theoretischen Grundlagen von Kritik an Klassiker der kritischen Gesellschaftstheorie - von Marx über Gramsci und die Frankfurter Schule bis zu Foucault - anknüpfen und wo sind neue Ansatzpunkte linken Denkens erfordert? Pierre Bourdieu hatte eine „ökonomische Alphabetisierungskampagne“ gefordert. Diese tut dem sozialwissenschaftlichen Denken, dass die Reflexion auf die strukturellen Bedingungen vieler sozialer Phänomene in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen oft über Bord geworfen hat, heute ebenso Not, wie eine sozialwissenschaftliche Alphabetisierung der Ökonomie erfordert wäre, um 'Marktgesetzte' nicht als unabwendbare Naturgesetze zu begreifen, sondern als Ausdruck, historisch gewordener und damit veränderbarer gesellschaftlicher Verhältnisse. Krisen sind immer auch der Beginn von etwas Neuem und können als Chancen und Aufbruchssignale wirken. Ob und wie solche Chancen in konkreten gesellschaftlichen Kämpfen genutzt oder verspielt werden hängt nicht zuletzt von den Fähigkeiten zur Reflexion auf die Ursachen und Wirkungszusammenhänge der Krisen und auf die möglichen Bedingungen anderer Formen der Vergesellschaftung ab.

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