Dokumentation «Die Widersprüche sind unsere Hoffnung» (Brecht)

Kunst und Medien: Brüche und Kontinuitäten, 1871 – 1990 – 2020

Information

Zeit

18.02.2021

Themenbereiche

Deutsche / Europäische Geschichte, 30 Jahre 89/90

Die erste deutsche Einheit von 1871 wie die zweite von 1990 waren in europäische, ja planetarische Umbrüche eingebettet. Beide waren verbunden mit medialen Revolutionen: Der nach 1871 expandierende Zeitschriftenmarkt brachte die Welt wie nie zuvor in die Bürgerstuben, ein globales Korrespondentennetzwerk entstand, Schriftsteller publizierten ihre Romane häufig zuerst als Fortsetzungsserien – Netflix auf Papier. Telephone übertrugen das gesprochene Worte mit Hilfe elektrischen Stroms in die weite Ferne, sodass Menschen, die Tausende Kilometer voneinander entfernt waren, historisch erstmalig «in Echtzeit» miteinander kommunizieren konnten. Die erste aufgezeichnete Stimme weltweit, die man noch heute hören kann, gehört Feldmarschall Moltke, das erste Opfer von Paparazzi war Bismarck. Gleichzeitig entwickelten Künstlerinnen und Künstler neue Ausdrucksformen für diese Welt in Bewegung, in der die Eisenbahn zum Zeichen der Zeit sich entwickelte und die Bilder im Film das Laufen lernten.

Als Willy Brandt 1990 den ersten gesamtdeutschen Bundestag eröffnete, da gab es noch kein Internet. Seitdem wandelte und wandelt der digitale Umbruch eine neue Welt in Bewegung. Das Katastrophenzeitalter vor der deutschen Teilung und dem Kalten Krieg bleibt virulent, muss bei heutigem Handeln mitbedacht werden.

Wie soll die deutsche Geschichte erinnert werden? Brauchen wir neue Formen der Aufarbeitung der selbstverschuldeten Verbrechen ohne deren Zeitzeugen? Brauchen wir positive Erinnerungsorte wie etwa die Frankfurter Paulskirche, in der bereits 1848 Demokraten versuchten, eine Republik zu verwirklichen? Wie sollte die deutsche Geschichte verflochten werden mit Erinnerungen unserer Nachbarn und mit der von Menschen mit Migrationsgeschichte unter uns?

«Die Widersprüche sind unsere Hoffnung» (Brecht)

Auf der Abschlussveranstaltung unserer fünfteiligen Reihe zur «doppelten deutschen Einheit» diskutieren wir mit:

Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa des Landes Berlin, Initiator des Modellprojekts «Postkoloniales Erinnern in der Stadt»
Susan Neiman, Direktorin des Einstein-Forums, die in einer vielbeachteten Monographie die Erinnerung an die Shoah in Deutschland verglich mit der Aufarbeitung von Rassismus und Sklaverei in ihrem Geburtsland USA.
Kathrin Röggla, Schriftstellerin und Vizepräsidentin der Akademie der Künste, die mit ihrem preisgekrönten «Bauerkriegspanorama» versucht, einen Rundblick auf die Gesellschaft zu geben und die damit verbundenen Schwierigkeiten reflektiert.
Leon Kahane, Künstler, der sich in seinen letzten Arbeiten – eine Videoarbeit wird gezeigt – mit der Frage beschäftigt: Wie wirkt sich die Geschichte auf die Kultur der Gegenwart aus?

Moderation: Achim Engelberg und Albert Scharenberg