Publikation Demokratischer Sozialismus - Gesellschaftstheorie - Geschichte Kontinuität im Wandel: Georg Lukács. Eine Erinnerung

anläßlich des 120. Geburtstages und des Erscheinens von Band 18 der Werkausgabe sowie von Bd. 9 des Jahrbuchs der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft. von Werner Jung

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Erschienen

Mai 2005

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Georg Lukács‘ Biographie verläuft - in aller Kürze - synchron zu den großen Epochenzäsuren, den revolutionären Transformationsprozessen unseres Jahrhunderts: 1885 in Budapest als Sohn großbürgerlicher Eltern mit jüdischem Hintergrund geboren, ist er Zeitgenosse Benjamins, Blochs, Brechts und der expressionistischen Generation, deren Haß aufs Bürgertum, das Wilhelminische Kaiserreich, die K.u.K.-Donaumonarchie und deren Krieg er teilt. 1918 schließt er sich als einer der ersten der neugegründeten ungarischen KP an, wird während der Räterepublik zum Volkskommissar für Unterrichtswesen ernannt und nach deren Zerschlagung in die Emigration gezwungen, zunächst nach Wien, seit 1930 dann - mit längeren Berlin-Aufenthalten vor 1933 - bis Ende 1944 nach Moskau, wo er - gleich vielen anderen Exilierten - die herrschenden Illusionen über Stalin und - später im Krieg - die Stalinsche Einschätzung der Sowjetunion als den einzigen den Faschismus bekämpfenden Staates übernimmt. Nach dem Krieg avanciert Lukács zum international einflußreichen Theoretiker, beherrscht die intellektuelle Diskussion in Ungarn, wo er einen Lehrstuhl für Ästhetik innehat, und betreibt - bestärkt durch Chruschtschows Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU - in seinem Spätwerk die ständige Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. 1956 engagiert sich Lukács auf seiten Imre Nagys, wird daraufhin verhaftet und nach Rumänien deportiert. Er wird - nach seiner Rückkehr aus Rumänien 1957 - zwangspensioniert, verliert alle Ämter und auch seine Parteimitgliedschaft. Die erzwungene Ruhe und das Ausgesperrtsein von der öffentlichen Diskussion nutzt der alte Lukács, um noch zwei große Projekte zu realisieren: eine systematische marxistische Ästhetik und die Grundlegung eines ontologischen Marxismus. Erschienen davon sind bis zu Lukács` Tod am 4. Juni 1971 freilich nur Teile, wie etwa der zweibändige erste Teil der Eigenart des Ästhetischen. Hinterlassen hat er jedoch eine Ontologie des gesellschaftlichen Seins, den unter dem Eindruck des Prager Frühlings geschriebenen Essay Demokratisierung heute und morgen sowie Ethikkonspekte. Alles in allem: ein enzyklopädisches Werk, das von Aufsätzen, Essays und Monographien zu ästhetischen, literarhistorischen und methodologischen Problemen über philosophie- und ideologiekritische Arbeiten bis zu grundsätzlichen erkenntnistheoretischen, geschichtsphilosophischen und ontologischen Fragen reicht.

Wenige Monate vor seinem Tod hat Lukács in Interviews im Zusammenhang mit der geplanten, jedoch nicht mehr realisierten Autobiographie unter dem charakteristischen Titel Gelebtes Denken davon gesprochen, daß bei ihm „jede Sache die Fortsetzung von etwas" sei. „Ich glaube", so fügt er hinzu, „in meiner Entwicklung gibt es keine anorganischen Elemente." Und an anderer Stelle heißt es: „Ich verfolge seit den Blum-Thesen eine ungebrochene und niemals geleugnete Linie." Wohlbemerkt: diese Thesen, die Lukács unter dem Pseudonym Blum dem Parteitag der ungarischen Kommunisten vorgelegt hat, sind von 1928, gestorben ist er 1971. Behauptet wird also nicht mehr und nicht weniger als eine mehr als 40jährige Kontinuität von Grundanschauungen.

Und in der Tat läßt sich mit guten Gründen die These vertreten, daß man in bezug auf den ganzen Lukács`, hinsichtlich seiner intellektuellen Biographie wie insgesamt des Werkzusammenhangs, von einer kontinuierlichen Entwicklung sprechen kann. Nichts geht darin verloren. Vielmehr sind - gut hegelisch - frühere Überlegungen und Argumentationen im späteren Werk aufgehoben, werden selbst Einsichten des jungen, vormarxistischen Lukács im nachfolgenden marxistischen Oeuvre reformuliert. Immer zielt er auf das Begreifen des Ganzen, der Totalität in Geschichte und Gesellschaft, was seine anhaltende Faszination, oftmals auch seine Schwäche ausmacht. Der Weg, den er dabei von der Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas, seinem Bucherstling von 1909, über den ‚foundation text‘ des westlichen Marxismus schlechthin, Geschichte und Klassenbewußtsein (1923), bis zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins zurücklegt, ist der von der Utopie zur Ontologie, von der geschichtsphilosophischen Hoffnung auf eine neue Menschengemeinschaft, die „Gesellschaft der Liebe", wie es in einem frühen Essay von 1919, Taktik und Ethik, einmal heißt, zur nüchternen materialistischen Bestandsaufnahme eben dieser vermeintlich neuen sozialistischen Gesellschaft.

Das zeigen jetzt auch wieder zwei Texte, die – aufbewahrt im Budapester Lukács-Archiv – im neuen Jahrbuch der Lukács-Gesellschaft erstmals zum Abdruck gelangen und aus den Jahren 1936 bzw. 1948 stammen. Insbesondere im Aufsatz „Über die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der neuen Demokratie“ handelt es sich um eine Art populärer Programmschrift, worin alle zentralen Aspekte der Lukácsschen Philosophie in gedrängter Form umrissen werden. Da ist ebenso von der Ästhetik wie von der Ethik die Rede, und auch die politische Theorie auf ontologischer Grundlage mit der Kategorie Totalität ist Gegenstand seiner Behandlung. Es geht ihm um eine „skizzenhafte Übersicht“ – mit durchaus praktischer Intention: die Errichtung des Sozialismus, der nur als Sozialismus des Alltagslebens Bestand haben kann – über die Funktionen der Philosophie und Ideologie, um die Probleme des (bürgerlichen) Erbes und seiner Aneignung und – mit aller Macht und der nötigen Ungerechtigkeit, die dann auch die berühmt-berüchtigte Monographie über Die Zerstörung der Vernunft von 1954 [es gibt keine unschuldige Philosophie!] charakterisieren wird – um die Zurückdrängung des Existenzialismus ebenso wie des Nihilismus (nietzschescher Provenienz). Lukács erweist sich einmal mehr als sachkundiger Pädagoge und Aufklärer zugleich, der sein philosophiehistorisches Wissen einsetzt im politischen Tagesgeschäft.

Pünktlich zu Georg Lukács’ 120. Geburtstag wird nun auch ein weiterer Band der Werkausgabe mit autobiographischen Texten, Gesprächen - vor allem aus den letzten Lebensjahren - und auch zwei Briefen vorgelegt, die allesamt diese erstaunlich intellektuelle Kontinuität im Wandel zu belegen verstehen und für den heutigen Leser ein spannendes Porträt der organisierten linken, marxistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts mit allen Windungen, Entstellungen und Idiosynkrasien entstehen läßt.

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Frank Benseler/Werner Jung (Hg.): Lukács 2005. Jahrbuch der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft. Bielefeld, Aisthesis, 2005.

Georg Lukács: Autobiographische Texte und Gespräche. Hgg. von Frank Benseler und Werner Jung unter Mitarbeit von Dieter Redlich. Georg Lukács Werke Band 18. Bielefeld, Aisthesis, 2005.