Nachricht | Mexiko / Mittelamerika / Kuba Die Geschichte mit dem Ei

Wie Kuba dem Versorgungsmangel die Stirn bietet

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Versorgungsmangel auf Kuba: Eine Verkäuferin wartet vor leeren Regalen auf Kundschaft.
Versorgungsmangel auf Kuba: Eine Verkäuferin wartet vor leeren Regalen auf Kundschaft. CC BY-ND 2.0, Foto: Konrad Lembcke, via Flickr

«Eiiiier, es gibt Eiiiiier!», schreit der Mann, der schnellen Schrittes durch den Céspedes-Park, den Hauptplatz der zweitgrößten Stadt Kubas, Santiago de Cuba, läuft. Zwei Frauen nähern sich ihm, andere folgen. «Wieviel?» «1800 Pesos, junge Frau

Eintausendachthundert kubanische Pesos sind circa zehn Euro zum Wechselkurs auf der Straße, wo ein Euro einen Kurs von 180 Pesos erzielen kann. Drei Eier kosten also einen Euro. In einem Land, in dem 30 Euro Monatsverdienst einen sehr guten Lohn bedeuten, kostest ein Karton Eier zehn Euro. Der Mann hält in der linken Hand einen Karton mit 30 Eiern, in der rechten ein Handy. Nicht einmal eine Minute vergeht und alle Eier sind verkauft.

So wird eines der meistgegessenen Lebensmittel der Welt, ein proteinreiches und günstiges Produkt, in Kuba zu einem Luxus, den die Kubaner*innen sich in der Regel nicht leisten können. Eier auf dem Frühstücksteller weisen auf eine hohe Kaufkraft hin. In Kuba legen die Hennen offenbar goldene Eier.

Federico Mastrogiovanni, italienischer Journalist, lebt seit 2009 in Mexiko und verbindet dort Lehre und Praxis. Er begleitet indigene Organisationen und Gemeinwesen, soziale und ökologische Bewegungen. Für sein Buch «Ni vivos ni muertos» (Weder lebendig noch tot) über das gewaltsame Verschwindenlassen in Mexiko wurde er 2015 mit der Auszeichnung der mexikanische PEN-Vereinigung geehrt.

Die Lebensmittelknappheit ist ein extrem wichtiges und enorm aktuelles Thema auf der Karibikinsel. Die Gründe dafür, warum der Preis für Eier in Kuba so stark gestiegen ist, sind Teil einer Kette von Ereignissen, die sich auf die Ernährung und das Alltagsleben der Bevölkerung auswirken.

Erstens gibt es in Kuba einen bedeutenden Mangel an Futtermittel für Küken und Legehennen. Industrielles Viehfutter ist knapp, sein Preis zu hoch, weil es sich um ein Importprodukt handelt. Daher bekommen die kubanischen Legehennen nicht genügend Futter, um Eier zu produzieren. Gleichzeitig reicht das Futter nicht, damit die Küken überleben können. Das Resultat: Viele Küken sterben, es werden weniger Legehennen gezüchtet und diese legen nicht genug Eier, um der Nachfrage zu entsprechen. Die geringe Produktion macht das Ei zu einer knappen Ware und Knappheit lässt bekanntermaßen die Preise in die Höhe schießen.

Wenn der Karton Eier in Santiago de Cuba, im Osten der Insel, 1800 Pesos kostet, so kann er in der Hauptstadt La Habana kurz vor Weihnachten auf bis zu 2200 kubanische Pesos, also fast 13 Euro steigen.

Magie im Restaurant

Carlos hat ein kleines Restaurant in der Straße Heredia in Santiago de Cuba. Dort bietet er Frühstück an. Jeden Tag erfindet er etwas, um die Eier mit anderen Dingen zu ersetzen, damit die Kund*innen nicht merken, dass ein zentraler Bestandteil des Frühstücks fehlt. Den einen Tag gibt es ein Sandwich mit Würstchen, an einem anderen Papaya mit Banane. Und wenn es Eier gibt, wird gezaubert.

«Du wirst sehen, was ich alles mit einem einzigen Ei anstellen kann. Ein Ei kann man mit ein bisschen Zwiebel aufschlagen, damit es mehr wird und der Teller voll erscheint. Oder es werden damit mehrere ganz dünne tortillitas, pfannkuchenartige Fladen, gebacken, die den Teller füllen.»

Ähnlich ändern sich die Rezepte je nach Versorgungslage bei den Kubaner*innen zuhause. Statt Kartoffeln, die es monatelang nicht gab, werden andere Wurzelknollen wie die malanga, die Wasserbrotwurzel, verwendet. Möhren oder frische Milch fallen aus dem Speiseplan heraus und Bechamelkroketten gibt es ohne Bechamel, weil es weder Milch noch Butter noch Weizenmehl gibt. Irgendwo noch gelagertes Weizenmehl mag plötzlich auftauchen, ist aber alt. «Das Weizenmehl, das du auftreiben kannst, schmeckt oft nach Kakerlake», kommentiert Carlos lapidar. 

Es gibt verschiedene Ebenen des Versorgungsmangels: Entweder gibt es ein Produkt gar nicht oder es ist schwer zu bekommen. Wenn etwas nicht vorhanden ist, ist es ziemlich offensichtlich, es reicht, ein paar Geschäfte abzuklappern, in denen es keine Produkte gibt. Egal ob dort in nationaler Währung oder in frei konvertibler Währung (ein paralleler Zahlungskreislauf für die Devisenbeschaffung) bezahlt werden muss.

Es fehlen Grundprodukte für das alltägliche Leben wie Seife, Toilettenpapier, Shampoo oder Nahrungsmittel wie Öl, Hühnchenfleisch, Wurstwaren. Aber der Mangel macht sich ebenfalls bei anderen Grundprodukten bemerkbar: bei den Grundstoffen zur Herstellung von Medikamenten, beim Papier für Bücher, Schulmaterialien, oder bei grundlegendem medizinischen Zubehör wie Mull, Fingerhandschuhen, Injektionsspritzen. Selbst Materialien für den Kunst- und Musikunterricht wie Musikinstrumente und Ölfarben für die Malerei fehlen; oder Treibstoff, damit einige grundlegende Dienstleistungen funktionieren. 

Viele Ursachen für den Mangel

Die Gründe sind laut Ernesto Teuma, Professor für politische Theorie an der Kunsthochschule in Havanna, vielschichtig «Zunächst ist die Situation einem breiteren Kontext geschuldet, sie hat mit dem spezifischen Ort zu tun, an dem sich Kuba in der Weltökonomie befindet. Wir sprechen von einem kleinen karibischen Inselstaat, einer mittelgroßen unterentwickelten, abhängigen Wirtschaft, deren wichtigste Branchen im Dienstleistungsbereich, bei bestimmten natürlichen Ressourcen und dem Tourismus liegen. Alles sehr instabile Wirtschaftszweige, wenn wir an die Unbeständigkeit des internationalen Marktes denken», meint Teuma. «Vor allem der Tourismus ist während und nach der Covid-19-Pandemie vollständig zum Stillstand gekommen, auch wenn im Jahr 2022 wieder etwa 400.000 Tourist*innen kamen, mehrheitlich Russ*innen. Ein erstes Zeichen für die Markterholung, doch weit entfernt von den vier Millionen ausländischen Besucher*innen im Jahr 2019», kommentiert der Professor.

«Dazu kommt der schwierige Zugang zu Lebensmitteln, deren Grundpreise sich weltweit erhöht haben; oder der schwierige Zugang zu Treibstoffen. Dann ist da die Inflation, eine Realität, die alle Länder der Welt in mehr oder weniger großem Ausmaß erleben. Im kubanischen Fall kommt eine zweite Schwierigkeit hinzu: Die Auswirkungen des US-Embargos. Sie verhindern in unzähligen Fällen einen leichteren und billigeren Zugang zu Produkten auf den natürlichen Märkten Kubas in Lateinamerika und den USA.»

Professor Teuma spricht von Nahrungsmitteln, Medizinprodukten und Grundstoffen zur Herstellung von Medikamenten, die aufgrund der Embargo-Gesetze sowie den von der ehemaligen US-Regierung Donald Trumps auferlegten und von der aktuellen Regierung Joe Bidens fortgesetzten Regelungen viel schwieriger zu bekommen sind.

«Für eine Ökonomie, die von den Konsequenzen einer globalen Rezession getroffen ist und daher nur einen ziemlich kleinen wirtschaftlichen Handlungsspielraum hat, machen die Multiplikationseffekte der Sanktionen jegliche Versorgung zu einer extrem problematischen Angelegenheit. So müssen Produkte, die wir auf dem nordamerikanischen Markt einkaufen könnten, an viel weiter entfernten Orten wie Asien erworben werden. Das vervielfacht natürlich die Frachtkosten und beeinträchtigt auch die Qualität der Produkte, die nicht erstklassig, sondern zweit- oder drittklassig sind.»

Schließlich hat die Situation auch mit der ungleichen Verteilung der vorhandenen Güter zu tun. Der Unterschied zwischen der Hauptstadt und den übrigen Provinzen im Landesinnern ist groß. Havanna, die größte Stadt, wird durch eine überdurchschnittliche Versorgung begünstigt, während die Provinzen weiter im Landesinneren sogar in den Bereichen, die der Staat subventioniert und verwaltet, geringere Mengen an Produkten des alltäglichen Bedarfs erhalten. Was nach La Habana kommt, gelangt nicht bis nach Cienfuegos, Holguín oder Guantánamo. Außerdem gibt es innerhalb der Hauptstadt selbst unterschiedliche Versorgungslagen von Bezirk zu Bezirk.

Umgeleitete Medikamente

Wenige Blocks vom Zentrum Santiagos entfernt wird auf der Straße ein Medikament verkauft, das für die Nutzung im Krankenhaus bestimmt ist. Es ist dort möglich, das Antibiotikum Ceftriaxon in Schachteln zu erwerben. Auf der Nationalen Medikamentenliste ist dieses Arzneimittel als «lebenswichtiges Medikament» verzeichnet und unter der Rubrik Vertrieb ist «ausschließliche Verwendung in Krankenhäusern» angegeben. Es handelt sich um ein Antibiotikum der ersten Wahl für sehr schwerwiegende Infektionen und für die Behandlung vor oder nach einem operativen Eingriff. Der wahllose Gebrauch kann Probleme verursachen, das Medikament wird intravenös verabreicht und ist in Apotheken nicht zu finden. Wie kommt es in den Straßenverkauf?

«Wir haben hier so etwas wie eine Basisliste für Medikamente, dort sind die Mittel gegen Bluthochdruck, Diabetes und generell Medikamente verzeichnet, ohne die die Lebensqualität kranker Menschen stark eingeschränkt wäre. Der Zugang zu diesen Arzneimitteln wird garantiert, sie waren immer in den Apotheken verfügbar. Und plötzlich gab es sie nicht mehr. Und heute sind wir soweit, dass du ein Medikament, das du brauchst, auf der Straße kaufst.» Das sagt Leonardo, der im letzten Jahr Medizin an der Universidad de Oriente studiert. Seit einigen Jahren verfolgt er die Veränderungen im Gesundheitswesen.

Als es darum ging, die Coronapanemie zu bekämpfen, spielte der Gesundheitssektor eine bahnbrechende Rolle: Auf Kuba wurden drei Impfstoffe  (Abdala, Soberana 02 und Soberana Plus) gegen das Virus entwickelt und produziert und bis Anfang 2023 nach Angaben des Gesundheitsministeriums insgesamt 43 Millionen Dosen verabreicht. Aktuell jedoch ist das Gesundheitssystem stark durch eine mangelnde Versorgung mit Medikamenten beeinträchtigt.

Auf der Insel können praktisch alle Medikamente der Basisliste für den einheimischen Verbrauch sowie teilweise auch für den Verkauf ins Ausland produziert werden: Entwässerungsmittel, Blutdrucksenker, viele Antibiotika, im staatlichen Unternehmen Biocubafarma. Aufgrund der bestehenden Versorgungsengpässe kommt es jedoch aktuell zu erheblichen Einschränkungen bei der Produktion. Die Folge ist, dass Medikamente nach und nach nicht mehr in den kubanischen Krankenhäusern zu finden sind.

«Die Medikamente verschwinden an verschiedenen Punkten der Lieferkette», erklärt Leonardo. «Nicht alle kommen aus den Krankenhausbeständen. Und nicht alles, was dort ankommt, erreicht die Ärzt*innen, weil es für den Straßenverkauf umgeleitet wird.»

Mit anderen Worten, die Medikamente werden von Angestellten, Spediteur*innen, Pflegepersonal und Ärzt*innen entwendet und auf der Straße verkauft. Die Krankenhäuser bleiben ohne ausreichende Versorgung. «Auf der Straße werden Medikamente aus anderen Ländern, aus Russland, verkauft, und das ist an der Verpackung sichtbar. Aber es gibt Personen, die dir in Kuba hergestellte Arzneipackungen verkaufen und die können nur aus dem Krankenhaus entwendet worden sein.»

In Kuba verdienen gerade fertig ausgebildete Ärzt*innen maximal 4200 Pesos im Monat, etwas weniger als 25 Euro. Ein Lohn, der für zweieinhalb Kartons Eier reicht. Der Höchstlohn für Ärzt*innen im zivilen Bereich mit allen möglichen akademischen Titeln beträgt etwa 8000 Pesos monatlich, das heißt: viereinhalb Eierkartons.

Um mehr zu verdienen, haben die Ärzt*innen laut Leonardo zwei Optionen: «Sie können auf eigene Rechnung Geschäfte machen oder an einer Auslandsmission teilnehmen. Es gibt keine rechtliche Möglichkeit für Ärzt*innen genug zu verdienen um damit würdig in diesem Land zu leben. Wenn wir hier beispielsweise Huhn kaufen, dann eine ganze Kiste. Und eine Kiste Hühnerfleisch kostet mehr als das, was die Ärzt*innen im Monat verdienen. Jetzt liegt der Preis bei 6000 Pesos und die Kiste enthält 20 bis 25 Kilo. Je nachdem wie groß deine Familie ist, kann das für einen Monat reichen. Ein paar Schuhe kann dich 7000 Pesos kosten. Wenn wir unseren Lohn in Euro umrechnen, dann verdienen wir monatlich bis zu 30 Euro. Das ist nichts.»

Angesichts dieser Situation werden von der Regierung wichtige Maßnahmen ergriffen. Dazu gehört es, die Stromproduktion zu stabilisieren. Das macht es möglich, dass verschiedene Industrien, die zum Stromsparen stillgelegt worden waren, damit die Wohnbevölkerung nicht so stark von Stromausfällen beeinträchtigt wurde, die Produktion wiederaufnehmen können. Produkte des Grundbedarfs, die Kuba zuvor importieren musste, können nun wieder im Land selbst hergestellt werden. Zum anderen gibt es Anreize für ausländische Investitionen, besonders in der Wirtschaftsentwicklungszone von Mariel, um Materialien und Dienstleistungen über internationale Wertschöpfungsketten bereitzustellen.

Dazu kamen ein weltweiter Aufruf gegen die US-Embargopolitik und die jüngste Auslandsreise von Präsident Díaz-Canel. Ziel der Reise war, eine verringerte Schuldenlast mit einigen Ländern zu verhandeln sowie Investitionen sicherzustellen und internationale Zusammenarbeit zu stärken. Sehr viel stärker nach innen gerichtet sind einige Maßnahmen, die unter das Stichwort «Konfrontation» von Wirtschaftsvergehen und Korruption fallen und sich dagegen wenden, dass große Warenmengen von staatlichen Unternehmen und Stellen in den Privatsektor oder den Weiterverkauf auf der Straße umgeleitet werden. Ebenso geht es um eine bessere Organisation des Zuteilungssystems. Hier gibt es Spielraum bei Warenlagern, staatlichen Einzelhandelsläden und bestimmten Geschäften für einzelne Branchen und Produkte, bei denen in einheimischer Währung abgerechnet wird.

Sind diese Maßnahmen ausreichend? Natürlich nicht, denn sie geschehen vor dem Hintergrund einer galoppierenden Inflation, die als umfassendes Phänomen die Kaufkraft der meisten Personen beeinträchtigt und die wirtschaftliche Aktivität insgesamt verlangsamt, weil der Konsum abnimmt. Aber so ist die Lage. Laut der abgegebenen Schätzungen wird 2023 ein Jahr der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession, die Ökonomien in Lateinamerika werden in diesem Jahr schrumpfen. Diese globalen Faktoren werden die Lebensbedingungen und den Zugang zu grundlegenden und lebensnotwendigen Produkten und Materialien nicht gerade verbessern. Darum richtet sich ein ganz wichtiger Teil der erwähnten Maßnahmen auf die interne Organisation der kubanischen Wirtschaft. 

Geduldiges Warten auf das Huhn

Vor dem Eingang des Panamericana-Supermarktes in der Straße Francisco Vicente Aguilera stehen fast 50 Personen in der Schlange. Sie warten darauf, dass die Angestellten des Geschäfts die Kund*innen jeweils in Dreiergruppen einlassen.

Schlange stehen in Kuba ist Teil des Alltags. Die Leute stehen nicht nur vor dem Panamericana-Markt Schlange. Sie tun dies auch, um ein Stück macho, wie das Schweinefleisch in Santiago genannt wird, zu erstehen, um in die guagua, den Bus zu steigen, oder um in einem Restaurant zu essen. Niemand beschwert sich, das Schlange stehen ist im Alltag verwurzelt.

Wer zur Schlange hinzukommt, fragt, wer der oder die Letzte ist und stellt sich zum Warten an. In den Regalen des Panamericana-Geschäftes sind wenige Produkte vorhanden: mexikanische Bohnen in der Konserve, Dosenfrüchte aus Spanien, Wein zum Preis von 60 Euro die Flasche, Shampoo, Kernöl. Aber heute stehen die Leute Schlange, weil es Gerüchten zufolge Hühnerfleisch und Joghurt geben soll. Wer weiß, wann dies das nächste Mal der Fall sein wird. Darum lassen die Menschen alles stehen und liegen, um sich in die Schlange zu stellen. Viele werden morgen vielleicht eine leckere Hühnerbrühe essen und den Reis mit einem guten und saftigen Stück Hähnchenkeule begleiten. Dann wäre das Warten die Mühe wert gewesen.
 

Übersetzung aus dem Spanischen: Gerold Schmidt